Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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Über das -»Zeitgemäße«- in der Kunst

die dem Werke kaum zum Nutzen gereichen;
denn es ist ein Unterschied zwischen einem
Maler des Quattrocento, der mit seinen Bildern
der Ausdrucksrepräsentant einer „Zeit" wurde,
ohne von dieser Sendung die leiseste Ahnung
zu haben, — und dem Typ des heutigen Groß-
stadtmalers, der sich selbst zur „Zeitgemäß-
heit" verpflichtet fühlt. Er läuft stets Ge-
fahr, eine etwa chaotische Stimmung des
Tages, der nur „Augenblick" ist in einer
größeren Spanne, umzudeuten in ein Zeitgefühl,
das als Kunstwerk sich uns und der Nachwelt
manifestieren müsse, und gleitet damit leicht
über jene Grenzen hinaus, hinter denen auch
das Werk aufhört, „Kunstweik" zu sein.

Das, was uns als wahres „Zeitgefühl" in
vergangener Kunst wesentlich und repräsen-
tativ vermittelt erscheint, ist immer die große
Summe, in der die ephemeren Gefühle schon
aufgegangen sind, besser noch vielleicht: jener
große Orgelpunkt, dessen unwesentliche Be-

gleitstimmen den mächtigen Klang nicht stören,
weil sie wegblieben. — Auch unsere Nachwelt
wird in unserer Kunst nicht die Nebenstimmen,
die Spiegelungen aller jener Wallungen, wie sie
der „Tag" bringt, suchen, sondern den durch-
gehenden Klang. Der aber ergibt sich ohne
unser Zutun, ohne jenes geschäftige Bemühen
um die „Zeitgemäßheit", wo sich dem Verant-
wortungsbewußtsein meist eine Portion Eitel-
keit beimengt.

Was zunächst und über alle Zeiten hin die
Wertung des Werkes garantiert, ist Qualität.
Auf sie sollen die Reilexionen des Künstlers
und auch die der zeitgenössischen Betrachter
gerichtet sein. Setzen wir den Leistungswert,
das Qualitätsergebnis oben hin, statt uns selbst
„historisch" zu nehmen, so tun wir ungefähr
das, was Voltaire's Candide am Ende seines
bewegten Wandels als das Positivste vorschlug:
„Cultiver notre jardin". — Wir haben wirklich
nichts besseres zu tun.......... dr. a. w.

GEFAHR DER VERSACHLICHUNG

VON WILHELM MICHEL

Der Mensch unsres Kulturkreises steht heute
in Gefahr, mit seiner lebendigen Seele zu
weit unter die Fremdherrschaft der Sachen zu
geraten. Dafür ist die Stumpfheit gegenüber
der Kunst, die heute von Vielen mit gespielter
Starkgeisterei zur Schau getragen wird, nur ein
Beispiel unter mehreren. Mit einem gewissen
Fanatismus wird vielerorts der Geist und die
lebendige Seele verleugnet, mit einem ironischen
oder gar höhnischen Ingrimm drückt mancher
sein quellendes Herz in die Brust hinab, stellt
sich nach außen dinggläubig und sachenfromm,
nur um als echter Bürger einer Zeit zu erschei-
nen, die vom vollen, wirklichen Leben nichts
mehr weiß. Wo ein Mensch von diesem Leben
in einem künstlerischen oder religiösen Wort
zu reden anhebt, da lärmt man über ihn hin-
weg und stellt sich so, als sei alle Wirklichkeit
mit einem Schlage in diejenigen Bereiche ge-
wandert, die nur mit dem Verstand und dem
titanischen Willen des Menschen zu tun haben.
Muß denn wieder unter Leiden gelernt werden,
daß der Verstand nur Totes begreift und daß
wir dem wahrhaft Lebendigen mit ganz anderen
Kräften unsres Wesens gegenübert reten müssen:
mit unsrer Seelenkraft, mit unsrer Herzkraft,
mit jener höheren, lebensgläubigen Intelligenz,
die begreift, ohne zu töten?

Es ist Zeit, daß wir uns wieder besinnen.
Es ist Zeit, daß wir uns der stillen Raserei ent-
ziehen, die uns die Lebensquellen zu verschüt-
ten droht. Es ist richtig, daß im Bereich der

Sachen Gewaltiges heute vor sich geht, daß die
festen Verhältnisse und Lebensräume, in denen
bisher unser Dasein stand, gesprengt sind, daß
wir schon durch den sprechenden Funken, durch
den Film, durch die Verkehrsmittel, durch die
Weltwirtschaft, die Presse, die Technik aus den
alten Beziehungssystemen herausgerissen und
in neue, noch dazu unfertige hineingestellt sind.
Mit Recht zucken überall die Seismographen
der geistigen Welt und zeigen tektonische Beben
an, denn die unterirdischen Verlagerungen sind
groß. Aber keine dieser Verlagerungen wird
uns der Pflicht noch auch der Möglichkeit ent-
heben, die große Veränderung in mensch-
licher Weise zu überstehen. Es ist erklärlich,
daß die menschliche Vernunft in solchen Zeiten
der Krise vorübergehend nachgibt und in apo-
kalyptische Stimmungen verstrickt wird. Sie
ruft dann: Ende! Ende! radikale Metastase!
riesenhafter Auf bruch zu abenteuerlich cn Zielen!
In früheren Jahrhunderten nahm diese Über-
wältigung der Vernunft die Gestalt einer Welt-
untergangs-Erwartung oder einer Hoffnung auf
die Wiederkunft des Erlösers an. Heute drückt
sie sich, wenn auch kälter, so doch immerhin
so radikal aus, daß ein Wissenschafter wie
Alfred Weber sagen kann, die Veränderung in
der Lebensaggregierung sei so groß, als sei der
heutige Mensch geradezu auf einen neuen Stern
versetzt.

Aber als in der Neujahrsnacht des Jahres 1000
die Erde sich nicht auf tat, als nicht um die
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