Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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JEAN LURCAT-PARIS

Lurcat ist Europäer von gutem Schnitt. Er
j studierte einige Semester Medizin und ver-
legte sich dann auf's Reisen. Sein Wandertrieb
führte ihn zuerst nach Deutschland, das er auch
nach dem Kriege wiederholt besuchte. DerDich-
ter Hasenclever und Kolbe, der Bildbauer, zählen
zu seinen Freunden. Rene Schickele kaufte als
erster seine Bilder . . . Die Mittelmeerländer,
der nahe Orient sind Lurcat ebenso vertraut
wie die Cite Seurat in Paris. Er fing 1914 in
Italien zu malen an. Ein gut Teil seiner künst-
lerischen Anregungen empfing er auf Reisen.
Statt Skizzenbücber zu bekritzeln, saugte er Herz
und Hirn voll, um dann später, im Atelier, seine
Gesichtssinn-Erlebnisse zu realisieren. Die
schöpferische Kraft dieses jungen Künstlers hat
zwei zuverlässige Grundlagen : hohe Intelligenz
und einen ausgeprägten Farbensinn. Erstere
trieb ihn instinktiv zu Picasso, dessen Einfluß
für den noch Tastenden von außerordentlichem
Nutzen war. Nicht, daß er sich mit Nachschöpf-
ungen billiger Art begnügt hätte I Davor be-
wahrte ihn die eingeborene Sendung, welche ihm
die Entfaltung seiner künstlerischen Wesensart
zu persönlichem Stilbewußtsein a priori vor-
schrieb. Dieser Stilwille war, generell betrachtet,
ein Attribut der Zeit. Aus trüber Gärung trat

er hellflüssig ins Bewußtsein einiger Weniger,
deren gleichgerichtete Absichten den theoreti-
schen Glaubenssatz einem planlosen Einzel-
gängertum voranstellten. Als Lurcat ins Treffen
kam, war die Schlacht im Prinzip gewonnen.
Der „Kubismus" hatte gesiegt und das Dutzend
Überlebender marschierte den Weg, mit Hilfe
persönlicher Orientierung, weiter. Lurcat begriff
die Unmöglichkeit weiteren Experimentierens.
Einmal die Mittel diszipliniert (die geistigen und
manuellen), machte er sich an ihre freie Anwen-
dung. Er schöpfte wieder aus der nie versiegen-
den Quelle der sichtbaren Umwelt. Diese Reha-
bilitierung des Objekts bedeutete keinen Rückfall
ins Gegenständliche. Die neuen Auf baugesetze
fanden ihre ungezwungene Verarbeitung am
„Konkreten". Weibliche Figuren, Stoffe und
Gewänder, die namenlosen Phantasiegewächse
in Lurcats Kompositionen und die blendenden
Mauerarchitekturen seiner Landschaften sind
integrale Bestände des Bildganzen; eingewoben
in die Fläche, an deren Raumspannungen sie
teilnehmen: Einzeltöne rhythmischer Totalität.

Lurcat ist vor allem Maler und erfaßt die
Zeichnung fast ausschließlich durch die Farbe.
Die Erscheinung der Dinge tritt ein in das My-
sterium höherer Bildlogik. . . . hans heilmaier.

XXXII. Dezember 1928. 1
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