Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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SCHLUSSJURIERUNG VON AUSSTELLUNGEN

EIN VORSCHLAG VON ALEXANDER KOCH

Immer wieder wird bei Kunstausstellungen die
Erfahrung gemacht, daß das Gesamtbild die
letzte Abrundung nicht besitzt. Ich meine dies
keineswegs in einem Sinne, der etwa eine Be-
mängelung der Jurorentätigkeit in sich schlösse;
jedenfalls ist damit keine Bemängelung gemeint,
die den Juroren zum Vorwurf zu machen wäre.
Vergegenwärtigen wir uns doch die Lage einer
Ausstellungsjury. Hunderte, jaunterUmständen
Tausende von Kunstwerken gehen an den Augen
der Juroren vorüber. Häufig wird ein und das-
selbe Werk mehrfach den Beurteilern unter-
breitet. Das Auge wird allmählich stumpf, die
Frische und Aufnahmefähigkeit ermatten. Dazu
gesellen sich gelegentliche Meinungskämpfe, die
manchmal recht langwierig und ermüdend sein
können. Oft wird da aus kollegialen Gründen
nachgegeben, um den Mitjuror nicht zu kränken.
Auch kann es zu Umstimmungen kommen, weil
schließlich eine mit Wärme und Nachdruck vor-
getragene Überzeugung immer leicht ein Echo
findet. Kurz: die psychologischen Bedingungen,
unter denen eine jede Ausstellungsjury ihres
Amtes waltet, sind so geartet, daß sie unscharfe,
undichte Stellen im Gesamtbild der Ausstellung
leicht nach sich ziehen. Selbst wenn man an-
nimmt, daß die Rücksicht auf Alter, Verdienst
und Name bei der Jurierung keine Rolle spiele,
so bleiben doch die vorher genannten Fehler-
quellen offen; Fehlerquellen, die nicht das Ge-
samtgewicht der Ausstellung mindern, wohl
aber die stimmende und werbende Kraft ihres
erstenEindrucks, die Einheitlichkeit und Klarheit
ihrer Physiognomie.

Es gilt hier darauf hinzuweisen, daß eine
Ausstellung — nach allgemein zugegebenem
Grundsatz — nicht nur eine Anhäufung von
Kunstwerken ist, deren jedes als Einzelstück
zu betrachten und zu würdigen ist, sondern,
daß sie ein Gebilde, eine Schöpfung, ein Ge-
samtorganismus sein soll, der als solcher eine
Physiognomie hat und faktisch weitgehend
nach dieser Physiognomie beurteilt wird. Ein
schwaches Bild bedeutet nicht nur ein Versagen
für sich selbst, es verbreitet auch um sich her Miß-
behagen und flaue Stimmung; es kann die
Wirkung einer ganzen Wand, ja unter Um-
ständen eines Saales zerstören oder doch be-
einträchtigen. Für eine Ausstellung ist (ganz
ähnlich wie für den Spielplan eines Theaters)
das ungestörte, zusammenhängende Neben-
einander oder Hintereinander von Leistungen

gleich hoher Qualität, ein äußerst schätzbarer
Sonderwert. Bringt ein Theater etwa drei Er-
folge hintereinander heraus, so ist schon die
wichtige Spezialwirkung einer Erfolgserie ge-
geben; das heißt: aus dem Zusammenhang der
drei Erfolge bildet sich Stimmung für das ganze
Institut, es wird außer dem Erfolg der einzelnen
Aufführungen noch ein Sonderergebnis er-
reicht, das lediglich auf der „Serie" beruht und
das der betreffenden Bühne in Gestalt einer
angeregten, günstigen Gesamtbewertung in Ge-
stalt eines gesicherten künstlerischen Kredits
zugute kommt. Werden aber die Erfolge, die
„Schlager" nicht als Serie gebracht, sondern
auf einen größeren Zeitraum unorganisch ver-
teilt, so stellt sich jenes hochwichtige Sonder-
ergebnis eben nicht ein, trotzdem sich vielleicht
im einen wie im anderen Fall das künstlerische
Fazit der Spielzeit, im Ganzen genommen, gleich
stellt.

Genau so verhält es sich bei einer Kunst-
ausstellung. Auch hier kommt es z. T. wesent-
lich auf die Gesamtwirkung, auf die „Serie"
an, dergestalt, daß eine negative Unterbrechung
der Serie sehr viel mehr bedeutet als das Ver-
sagen eines einzelnen Werkes. Diese Unter-
brechung braucht bekanntlich nicht einmal durch
ein an sich schwaches oder minderwertiges
Kunstwerk herbeigeführt zu sein. Schon wenn
das betreffende Werk, obschon an sich schätz-
bar, im Stil, in den Valeurs, in den Tönen oder
in der Mache seiner Umgebung widerspricht,
entfaltet es eine störende Wirksamkeit. Selbst
die Abmessungen, die doch mit dem inneren
Wert eines Werkes nichts zu tun haben, können
dabei eine Rolle spielen. Es ist also Tatsache,
daß Leistungen von verwandter Qualität und
verwandtem oder doch organisch sich anpassen-
dem Stil einander in der Wirkung mächtig för-
dern. Man kann fast sagen, daß sie einander
verklären, daß sie sich gegenseitig erläutern,
interpretieren, aufschließen, wohingegen un-
verträgliche Benachbarungen geradezu einen
trüben Schleier, einen bösen, mißgünstigen
Schein über die Kunstwerke werfen und ihr
Zusammensein zu einer häßlichen Dissonanz
machen können.

Auf diesen Tatsachen und Möglichkeiten be-
ruht ein Vorschlag, der mir geeignet erscheint,
den Kunstausstellungen eine letzte Sicherung
gegen die genannten Fehlerquellen zu bieten.
Er läuft, kurz gesagt, darauf hinaus, daß die

XXXII. OktoW 1928. 5
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