Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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SPORT UND BILDKÜNSTLERISCHE DARSTELLUNG

von dr. otto brattskoven

Tn diesem Jahr wird mit der IX. Olympiade in
J. Amsterdam auch eine internationale Aus-
stellung „Kunst und Sport" verknüpft sein, an
der neben Deutschland zwanzig Nationen sich
beteiligt haben. Endlich und mit gutem Recht
hat man nun auch die Kunst miteinbezogen,
die mit dem Panorama der Sportleistungen in
einem ursächlichen Zusammenhang stehen sollte.
Denn letztlich entspricht es dem Wesen bild-
künstlerischer Darstellung, wenn die Kunst jeder
Epoche auch die Ideen, die Einstellung zum
Dasein und zur Gesellschaft und die besonderen
Lebensformen dieser Zeit spiegelt. In der vor-
griechischen Kunstübung erkennt man unschwer
den durch Autokratie bestimmten Charakter,
in der griechischen Kunst triumphiert innerhalb
eines gesellschaftlich ausgeglichenen Gemein-
wesens die organische Vorstellung einer ästhe-
tischen Norm. Die späteren Zeiten sind schließ-
lich mit den ihnen eigentümlichen bildkünstle-
rischen Taten bekannt und verständlich.

Wert oder Unwert, Größe oder Nichtigkeit,
technische Leistung oder seelische Tiefe in diesen
alten Bildkunstwerken steht dabei ganz außer
Betracht. Diese Eigenschaften sind es nicht
allein, die unserer Zeit wertvoll vor Augen
stehen, sondern es ist ebenso das nicht weg-
zuleugnende Gefühl, daß hier Werke entstanden,
die nicht einem Kunsttraum an sich, sondern
gleich sicher einer selbstverständlichen Bindung
an das Leben mit seinem nicht immer das
Höchste wollenden Gedanken entsprungen sind.

Hier entsteht die Frage an die moderne Kunst,
diebegreiflicheFragestellungnach der Bedeutung
für das Leben, nach der Allgemeingültigkeit in
einer gesellschaftlich demokratisierten Epoche,
nach der stichhaltigen Leistung unseres von
früheren Zeiten geschiedenen Daseins durch
die bildende Kunst. Die Antwort muß man oft
und ernsthaft schuldig bleiben: die großen Werke
gedeihen zumeist in der abseitigen l'art-pour-
l'art-Sphäre, die glaubenselig beachteten da, wo
das Wissen um den schlechten Geschmack
spekulierend wuchert.

Zwei Erscheinungen konstatiert man dem-
gegenüber, die unserer Zeit mit ihrem Menschen-
reichtum eigentümlich entsprechen, die sich oft
elementar auswirken und die vielleicht stärker
als alle aus der Vergangenheit deduzierten An-
schauungen das Mittel zur allgemeinverständ-

lichen künstlerischen Äußerung sein können.
Seltsamerweise hat die eine dieser Erschei-
nungen, die durch die Klassen bedingte Gesell-
schaftskritik, schon bildkünstlerische Schöpfun-
gen im Gefolge gehabt, die als solche einen
neuen Faktor in der Kunstgeschichte der Neu-
zeit darstellen. Die andere indessen, der Sport
als körperlich ausgleichendes Moment in unserem
soziologisch komplizierten Dasein, wurde nur
gelegentlich und zufällig herangezogen.

Keineswegs soll jetzt bei einer Bejahung des
Sports als Darstellungsobjekt ein Wort für jene
fraglichen Spezialisten gesprochen werden, die
früher „Jagdstücke" fabrizierten und heute sich
die „Sportmalerei" als Metier erwählt haben.
Bei diesen steht nicht die bildkünstlerische
Leistung zur Diskussion, sondern die sinnlose
und fatale Phrase über ein beliebtes Thema.
Der Künstler hingegen überzeugt nur durch den
profunden Aufbau eines lebendig angegangenen
Vorwurfs, der einerallgemeinen, in denMenschen
verankerter Vorstellung den sinnvoll und bild-
mäßig realisierten Ausdruck bringt. Ob die
innere Tendenz eines solchen Werks plastisch
summierend oder malerisch vielgestaltig sich
vollzieht, bleibt demgegenüber eine Leistungs-
frage der künstlerischen Individualität. Ebenso
ist es irrelevant, ob man in der Erwählung des
sportlichen Motivs etwa das Gemenge des
Rugby, die Rasanz im Ablauf des Eishockey,
das logische Paradieren beimBoxen, die Präzision
im Mittelstreckenlauf oder nur die statuarische
Porträtierung eines modernen Helden bevorzugt.

Wichtig für den Fortbestand der Bildkunst
erscheint jedoch, daß man überhaupt solche,
unserem Empfinden direkt entsprechende The-
men aufgreift. Sie sind materiell wichtig, weil
hierdurch eine Bindung der meisten Maler und
Bildhauer an die Gesellschaft möglich gemacht
wird, und so Aufträge immer zahlreicher werden
und fruchtlose Experimente unterbinden; ideell
hingegen, weil neue Möglichkeiten neue Impulse
hervorbringen und natürlich empfundene geistige
und seelische Kräfte freimachen. Die letzte
Entscheidung liegt bei den Künstlern selbst, bei
ihrer Leistungsfähigkeit und ihrem Vermögen,
unklar und verschwommen in den heutigen
Menschen ruhenden Wünschen und Sehnsüchten
klare und wirkungsvolle Gestalt und vom Leben
gesättigten Gehalt zu verleihen....... o. b.

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