Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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ANTO-CARTE - BRÜSSEL

Vielleicht haben wir uns auch nie die Mühe
gegeben — eine belgische Physiognomie
haben wir uns jedenfalls nicht zurechtkonstru-
iert. Das geistige und künstlerische Wesen des
zeitgenössischen Belgiens ist uns fremd und un-
bekannt. Trotz seines Reichtums, trotz des
Hochdrucks seiner Arbeit hat es in seiner Men-
talität etwas von einem Kleinstaat. Daher er-
klärt sich wohl auch eine gewisse Schärfe der
Menschen gegeneinander. Auch so manches an
der Geistigkeit. In Fragen der Politik franzö-
sich orientiert, bleibt es auf anderen Gebieten
Frankreich gegenüber spröde. Der Unterschied
der Temperamente ist entscheidend. Kann man
in Belgiens Literatur noch französische Art
herausfühlen — ein Stück französischen Geistes
durch germanisches Temperament und „Menta-
lität" empfunden — so bleibt es in der Kunst
wie kaum eine zweite Nation von französischer
Malerei unbeeinflußt. Es ist, als ob die Malerei,
nach wie vor, ihm nur ein Mittel zum Ausdruck
dessen ist, was seine Menschheit leidet. Im Ge-
gensatz zu der französischen und im höheren
Grade als die russische stellt sich die belgische
Malerei in den Dienst der Geistigkeit. Sie will
erzieherisch wirken und ist pathetisch. Soziale
Tendenzen beherrschen sie, und ihre religiöse
Inbrunst ist durchaus nicht katholisch. Einer
der ausgeprägtesten Repräsentanten dieses bel-

gischen Geistes ist Anto-Carte. Ein unverrück-
barer Pathetiker, ein gradliniger Monumentalist.
Sieht man diesen noch jungen Künstler, herz-
haft und kernig, mit hellen Seemannsaugen,
behend und lebendig, könnte man seine Kunst
keineswegs mit ihm in Einklang bringen. Nur aus
der geistigen Struktur seiner Nation ist seine
Kunst zu verstehen. Dieser unentwegte Wille
zu ethischem Ernst. Sein vielleicht schön-
stes Bild „Das Tischgebet" ist ihm eine Art
von Glaubenbekenntnis: „unser täglich Brot gib
uns heute". Das andere ist ihm noch Luxus.
„Erkennet erst die Freudelosigkeit und helft
sie aus dem Wege räumen, auf daß Ihr der
Freude teilhaftig werdet". Mit der etwas prie-
sterlichen Geste seines „Blinden" geht er voran,
um den Weg zu weisen, und seine Monu-
mentalität ist ihm das pathetische Mittel zur
Mahnung. Daher wirkt seine Form nie leer, nie
äußerlich, nie verlogen (wozu die Monumen-
talität so leicht verführt). Seine Monumentalität
ist aus einem innern Zwang entstanden, sie ist
die Hülle eines ernsten Gehaltes. . . barchan.
*

NATUR UND GEIST. Das Wesen der Kunst
liegt in der geistigen Vermittlung ihres
Gegenstandes. Gegenstand der Kunst ist das
Darstellbare, also nicht nur die Natur, sondern
auch der Geist......... Richard schaukal.
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