Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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Ein Such der Wiener Werkstätte

verdeutlichen, die, soviele Individualitäten sie
auch umfaßt hatte und umfaßt, so spürbar sie
auch den Stilwandel eines Vierteljahrhunderts
spiegelt, letzten Endes geschlossen ist. Was
auch immer herangezogen wird, zeichnerische
Entwürfe und faksimilierte Briefe, alles unter-
streicht von irgend einer Seite her die Einheit
der Erscheinung. Man macht sich das Problem
so schwer als möglich: zwischen monochromen
stehen bunte Rasterklischees (nach Farben-
photographien), neben der Aufnahme eines In-
terieurs, die den Blick in die Tiefe eines illu-
sionistischen Raumes zieht, wird eine Probe
ornamentaler Schrift gezeigt, die sich mit allen
Fasern zum Gesetz der Fläche bekennt, und
selbst auf die Anordnung nach zeitlicher Zu-
sammengehörigkeit wird weitgehend Verzicht
geleistet.

Bei der herkömmlichen drucktechnischen
Einstellung wäre aus diesen Einzeldokumenten
kein Ganzes zu gewinnen gewesen. Es be-
durfte einer Idee von zusammenfassender Wirk-
samkeit. Sie wurde gefunden und besteht in
der Unterordnung aller graphischen Produkte
unter das Primat der Farbe. Ganze Seiten be-
decken sich mit Gold und Silber, mit Schwarz
oder Rot, oder gliedern sich rhythmisch in geo-
metrische Figuren nach koloristischen Prin-
zipien, während der Raum für die Illustrationen
und Text wie eine Insel ausgespart ist. Das
Mittel ist denkbar gewagt. Es bedurfte des
erlesenen Geschmackes von Mathilde Flögl,
der die Ausführung des Buches anvertraut
war, um aus der unbegrenzten Möglichkeit an
Kombinationen diejenigen auszuwählen, die,
ohne den Sinn zu vergewaltigen, den auf dem
Kontrast ruhenden optischen Reiz durchgehends
zu halten imstande sind. Allerdings wäre es
verfehlt, aus dem Gesamtwerk nun eine neue
Norm ableiten zu wollen — es ist und bleibt
die einmalige Lösung eines einmaligen Problems.

Das gilt auch für den Einband, dessen Fas-
sung sich von der Tendenz herleitet, aus jedem
Material alle Möglichkeiten herauszuholen, die
in ihm stecken. Die Kartonmasse, zu Papier-
mache verarbeitet, erlaubt eine plastische Be-
handlang. In den Glückwunschkarten des Bie-
dermeier, besonders denjenigen von Wiener
Herkunft, hatte man, wenn auch sehr behutsam,
derartige Wirkungen bereits erprobt. Hoffmann
ließ Deckel und Rücken seines Buches von
Vally Wieselthier und Gudrun Baudisch
als Reliefs gestalten. Die Prägung ist tief; durch
die stark abstrakten, figuralen und ornamen-
talen Motive schneidet die diagonale Grenzlinie
einer roten und einer schwarzen Teilung. Schon
mit dem Einsetzen plastischer Motive anstelle

des üblichen Außentitels wird betont, daß es
sich nicht um eine schriftstellerische Leistung
handelt, sondern um die freie Interpretierung
des Begriffes „Kunstgewerbe" durch die Mittel
der Buchkunst.

Bleibt zu sagen, daß der Inhalt das Arbeits-
gebiet der Werkstätte überzeugend vorführt.
Werke und Menschen stehen in lebendigem
Wechsel vor dem Leser auf, in der ganzen
Frische und Unmittelbarkeit eines ersten Ein-
druckes. Längst Gekanntes entfaltet erst seinen
ganzen Reichtum im Zusammenhang mit ge-
schwisterlichen Gebilden. Aus tausend feinsten
Fäden spinnt sich der Zauber jener kulturellen
Atmosphäre, die „bewundert viel und viel ge-
scholten" mit dem Namen Wien verknüpft ist
und in einer neuen Fassung zum neuen Erleb-
nis wird. wolfgang born.

Das Buch »Wiener Werkstätte, Modernes Kunstgewerbe und
sein Weg«, ist im Krystall-Verlag, Wien i(> erschienen. Neben den
deutschen Text ist jeweils die englische Übersetzung gestellt.

TECHNIK UND SCHÖNHEIT. Verwandeln
des Baustoffes aus dem toten Material in
lebendige Kraft, könnte man die Formel nennen,
die sich für die Entwicklung der Technik in der
Architektur aufstellen ließe. Aus einem primi-
tiven Verständnis für die Wucht des Steins
baute der romanische Stil Palast und Kirche.
Die Tragkraft der Mauern und Säulen, auf
denen die schweren Gewölbe ruhen, liegt in
der Masse. Dies gab die Gotik auf, in ihrem
Baustil wirkte eine höhere Erkenntnis und
führte durch verwenden „statischer und kon-
struktiver Gesetze" auf eine ungeahnte Be-
schränkung der stofflichen Masse, die den hoch-
aufstrebenden gotischen Stil ermöglichte. Sein
Gefüge beruht auf Tragkraft und Spannung.
Was damals geniale Meister schufen, gewinnt
neue Wirkungen und Möglichkeiten durch die
moderne Technik und modernes Material. Stahl
und Glas werden ihre besonderen ästhetischen
Gesetze erringen, denn eigenartige, noch nicht
erschöpfte und vielfach noch nicht erkannte
Schönheit liegt in ihnen. Während der Zement
im ästhetischen Sinn hoffnungslos ist, bieten
Stahl und Glas unendliche Möglichkeiten. In
der schwingenden Kraft, mit der stählerne
Konstruktion von Ufer zu Ufer greifen, Weite
und Tiefe spielend zu überwinden, in den bei-
nahe stofflosen Gerüsten, die Gebäude von un-
geahnten Dimensionen tragen, findet der neue
Stil Motive, die wohl an gotisches Denken an-
klingen aber durchaus den Charakter der eigenen
Zeit ausdrücken. Seine Raumschöpfungen er-
füllen den Schönheitsbegriff des Sachlichen, so-
weit künstlerische Gedanken praktische Pro-
bleme durchdringen. — a. v. gleichen-russwurm.
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