Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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JEAN

lurcjat

SKIZZE

GESTALTUNG ODER ANSCHAUUNG

JUGENDZEICHNUNGEN. Im Anschluß an
die Münchner Werkbundtagung veranstal-
tet der Münchner Bund eine umfangreiche
und vielfach anregende Ausstellung von Jugend-
zeichnungen, die neben dem Material zahl-
reicher Lehrstätten (Stiftung deutscher Landes-
erziehungsheime, Gustav-Britsch-Institut der
Starnberger Schule, Münchner Versuchsschule,
höhere Schulen Württembergs) zahlreiche Ar-
beiten des internationalen Mannheimer Archivs
für Jugendzeichnungen umfaßt. Das Ziel der
künstlerischen Erziehung von heute sei es, sagt
man, aus den schöpferischen Kräften, die im
jungen Menschen zur Entfaltung drängen, den
Willen zur Form heranzubilden, damit aus sol-
cher gefestigten und vertieften Erfassung des
Wesens der Gestalt dem Leben des Volkes
neuer Antrieb und Inhalt werde. Schon Pesta-
lozzi habe, so heißt es in dem Katalogvorwort,
das Gebiet der Form das älteste und sinn-
fälligste neben den Erkenntnisgebieten des
Wortes und der Zahl genannt. Wenn unter
Berufung auf Gauguins Wort, es gäbe zwei
Arten von Schönheit, die eine entspringe aus
dem Instinkt, die andere werde gelernt, das
Mannheimer Archiv auf die Darstellung des
Genialischen in der Kinderzeichnung hinzielt
und das Starnberger Institut auf eigenbetonte
Gestaltung des künstlerischen Ausdrucks hin-
arbeitet, so scheinen hier die Ziele einer an sich

erfreulich zeitgerechten Methode und Disziplin
übersteigert, die Ergebnisse verkrampft und im
tieferen Sinn unkindlich gelöst. Im Gegensatz
hierzu begrüßt man die im Geist lebendiger An-
schauung geschaffenen Arbeiten der „Stiftung
deutscher Landeserziehungsheime" mit lebhaf-
ter Zustimmung. Man wird den grundsätzlichen
Ausführungen des künstlerischen Leiters der
Schule, Dr. Lietz, vorbehaltlos beistimmen kön-
nen: „Wir stehen hier vor dem nun schon fast
gewohnten Bild jugendlicher Arbeiten, die in
enger Verbundenheit mit der Natur gefertigt,
dieser ihre Gesetze abzulauschen bestrebt sind,
Bewegungsstudien sind da, Studien der Gestalt
von Mensch und Tier, Stimmungsbilder beleb-
ter Landschaft, Stimmungen, die durch An-
regungen — etwa in Form von Erzählungen —
der eigenen Vorstellung entsprungen und im
Bilde festgehalten sind. Die Vielheit und der
bunte Reichtum dieser Entwürfe und schüler-
haften Skizzenarbeit ist durch die unmerklich
führende Hand des Lehrers zusammengeschlos-
sen und zu einem Ganzen gefügt. Es ist Frei-
luftarbeit, aus dem Puls realen Lebens geboren,
spontan und unbeschwert in der Linienführung
und Ausdrucksgebung." In der Tat scheint uns
Ziel und Problem der Jugendzeichnung weniger
in eigenschöpferischer Gestaltgebung als in der
Erziehung zu klarer Anschauung und sachlichem
Ausdruck zu liegen............k. pfister.
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