Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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MAX SLEVOGT wurde am 8. Oktober 60
Jahre alt. Das Werk des Mannes steht
vor uns, und indem wir Werk und Mann zum
Gedenktag grüßen, tun wir es am liebsten mit
einem Worte, das bei Malern bisher wenig in
Ebren stand und das uns doch am direktesten
auf den Lebensnerv dieses Schaffens zu deuten
scheint: mit dem Worte „Dichter". Und zwar
sind es am allerwenigsten Slevogts Illustratio-
nen und Arabesken, die wir dabei im Auge
haben, mögen sie noch so deutlich von „lite-
rarischen Impulsen erfüllt sein. Sondern wir
meinen gerade sein malerisches, sein unlite-
rarisches Werk. Denn hier, mitten im wunder-
baren malerischen Handwerk, lebt ein freier,
poetischer Geist, schwingt ein lyrischer Klang,
lebt ein romantisches Dichtertum. Gewiß kommt
man weit in Slevogts Werk hinein, wenn man es
lediglich als eine vollwertige impressionistische
Tatsachendeutung betrachtet. Aber im Herz-
punkt seiner besten Werke findet man stets eine
besondere Art von letzter Pointierung, ein Em-
porschnellen eines ganz neuen Antlitzes, eines
unerwarteten Lichtes; und das ist Licht aus
dichterischer Welt, ein Klang aus jenem Bezirk,

wo man singt und deutet, wo man nicht nur
die Poesie des Augenerlebnisses kennt, sondern
wo Schwung und Rhythmus, Glanz und Sinn
in den Dingen erwachen. Da entstehen Land-
schaften, in denen, trotzdem sie in der zucht-
vollen Prosa des Impressionismus vorgetragen
sind, ein Eichendorff'sches Lied zu schlafen
scheint. Es entstehen Bildnisse, durch deren
optimistische Tageshelle ein fremder Hauch geht,
ein fremdes Licht, wie ein Wissen um Dinge,
gegen die sich der Impressionismus grundsätzlich
verschließt. Keiner hat dieses dichterische
Element so keusch, so schwebend gefaßt wie
Slevogt; ein Schmelz, ein Schimmer, ein fernes
Schwingen — aber gerade dieses fast Ungreif-
bare ist die Stelle, wo Slevogt personhaft und
wirklich wird und wo wir ihn am meisten lieben
müssen. Es wäre Zerstörung gewesen, hätte
er dieses poetische Element bewußter aufgefaßt
und deutlicher unterstrichen. Gerade die Zart-
heit und die unberechnete Plötzlichkeit, mit
der es auftaucht, ist seine Krone. Es wohnt
in seiner durchaus irdischen, diesseitigen Welt;
es glänzt darin wie ein Lächeln, das nur in den
Augen lebt und die Züge nicht verändert, w. m.

ARCHITEKT R. LUTZ—STUTTGART. »VITRINEN-SCHRANK«
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