Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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LISELOTTE CASTENDYK—BREMEN

»DECKE MIT TULLSTICKEREI«

DAS KURZLEBIGE WOHNHAUS

Die Baugesinnung, in der wir erwachsen sind,
zielte auf eine möglichst lang eLebens-
dauer des Bauwerkes ab. Nicht nur Kirche
und Rathaus, sondern auch das Wohnhaus
strebte unbegrenzte Festigkeit an. Auf viele
Generationen war es berechnet, die nagende
Zeit sollte ihm wenig anhaben können.

Diese Baugesinnung sehen wir in unseren
Tagen schwinden. In der neuen, technisierten
Bauweise ersteht ein Wohnhaustyp, der vor
allem dem augenblicklichen Bedürfnis dienen
will. Auf ewige Dauer geht er nicht aus, nur
auf technische Bequemlichkeit, auf rasche und
möglichst industrialisierte Herstellungs weise und
auf niedrige Gestehungskosten. Das sind Not-
wendigkeiten unsrer Zeit. Wir müssen die Mög-
lichkeit ins Auge fassen, daß das langlebige
Wohnhaus zu einer Art Luxusgegenstand wird,
zu einer Sache, die fortan nur noch unter be-
stimmten Umständen entstehen kann, die aber
nicht mehr die Norm ist. Und man braucht dies
nur auszusprechen, um sogleich zu fühlen, daß
sich ein Bedauern in uns regt. Wird uns mit
dem langlebigen Wohnhaus nicht etwas Kost-
bares genommen? War es nicht schön, daß früher
das Haus, das der Vater baute, noch vielen

Generationen von Kindeskindern zugute kam?
War es nicht schön, daß das Haus eine Art ob-
jektivierter Familiengeschichte darstellte, daß
sich in ihm die Erinnerungen vieler Vorfahren
sammeln und „Atmosphäre" bilden konnten?

Man muß dieses Bedauern und Bedenken
billigen. Aber man darf für das, was uns hier
verloren geht, nicht die moderne Bauweise ver-
antwortlich machen. Denn sie zieht nur die
Folgerungen aus einem Zustand, der tatsächlich
schon besteht. Das langlebige Wohnhaus der
Vergangenheit war aufgebaut auf jener Stabili-
tät der Lebens- und Erwerbs Verhältnisse, die
viele Generationen derselben Familie am glei-
chen Ort, im gleichen Beruf festhalten konnte.
Diese Stabilität existiert nur noch in Ausnahme-
fällen. Für die große Mehrheit der Menschen
gilt, daß schon die Kinder sich in alle Wind-
richtungen zerstreuen. Der Beruf wirft sie da
und dorthin, die eigene Unruhe, die über die
Menschen gekommen ist, tut das ihrige dazu.
Ja, kaum der Hausherr selber hat Gewähr dafür,
daß er sein Leben an dem Orte, wo er sich sein
Haus gebaut hat, zu Ende führen kann. Die
selbständigen, festangesiedelten Betriebe gehen
der Zahl nach immer mehr zurück; aber auch
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