Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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ÜBER DAS „ZEITGEMÄSSE" IN DER KUNST

VON DR. ALFRED WENZEL

Wir wissen heute, daß jede „Zeit" einen be-
stimmten, d. h. nur ihr eigenen Ausdrucks-
willen hat. Das Wissen um diese Tatsache ist
moderne Errungenschaft, Kennzeichen einer
vorgeschrittenen Kultur, Sehschärfe gewisser-
maßen, mit der Spätlinge die Bestände einer
Vergangenheit durchdringen und ordnen —:
„historischer" Blick. Wir heutigen Menschen
stehen darum in einer ganz anderen Weise dem
Alten, Gewesenen — sei es als Ereignis
vorübergerauscht oder habe es sich in „Wer-
ken" verewigt, — gegenüber als unsere Vor-
fahren, die solches immer von sich aus mit den
Maßstäben ihrer Gegenwart behandelten. Es
ist noch nicht lange her, seit Friedrich von
Schlegel in Betrachtung der Gemälde des P. P.
Rubens sein Bedauern darüber äußerte, daß
dieser Maler nicht den Anschluß an van Eyck
gesucht habe. Wir können uns des Lächelns
nicht erwehren, da uns heute Rubens ebenso-
sehr als Repräsentant seiner Zeit, so wie er
war und sich in seinen Bildern „ausdrückte",
unentbehrlich ist, wie uns die van Eyck in ihrem
Werke den Gehalt der ihren künstlerisch ge-
formt zu haben scheinen. Wir wissen, daß
„Kunst" nicht von ungefähr, sondern als form-
volle Verdichtung geistiger Gesamthaltung ent-
steht, und daß der Künstler, als „Bildner" mit
dieser Art von repräsentativer Funktion betraut,
im letzten Grunde nur nach dem strebt, was
seiner „Zeit" gemäß ist.

Diese Einsichten sind wertvoll, geben sie
doch — je mehr sie sich in den Kreisen der
interessierten Allgemeinheit durchsetzen, —
besonders in Dingen der Kunst erst die Voraus-
setzung ab, auf der wir dem Vergangenen ge-
recht werden. Aber — und dies muß heute
gesagt werden, — der Begriff des „Zeitge-
mäßen", als prägnante Formel von Anbeginn
an zu schlagworthafter Verwendung präde-
stiniert, drang auch in die Sphäre des heutigen
Kunstschaffens ein und richtet seit längerem
manche Verwirrung an.

Es soll nicht etwa gesagt werden, daß der
schaffende Künstler nicht reflektieren solle; es
ist ein Unding, zu behaupten, daß alle gedank-
liche Reflexion als solche unvereinbar sei mit
schöpferischer Produktion; daß sie Kennzeichen
sei für eine ins Stocken geratene bildnerische
Intensität, und was dergleichen bisweilen vor-
gebracht wird; aus der Reihe größter Künstler
ließen sich genug entkräftende Beispiele an-

führen. Und übrigens: Wie jede Kunst der
Vergangenheit aus bestimmten geistigen Gesamt-
dispositionen erwuchs, so hat auch unsere
heutige Kunst, und mit ihr der heutige Künstler,
eine besondere Gestimmtbeit; und wenn wir
diese ganz allgemein etwa als eine „Bewußt-
heit" bezeichnen, durch die wir alle uns von
seelischen Verfassungen vergangener Epochen
unterscheiden, eine Bewußtheit, die aufhellend
in fremde und eigene Tiefen hineinleuchtet, Be-
ziehungen und Gründe bloßlegt, über denen
frühergeheimnisvolle Dämmerung liegen mochte,
deren möglichen Stimmungsreize wir selbst nun
verlustig gehen, — so enthält diese Konsta-
tierung nicht irgendein Bekenntnis heutiger
menschlicher Minderwertigkeit, allenfalls nur
eine Spur von Resignation, denn wir haben
nicht die Macht, uns gegen solche Wandlungen
der Bewußtseinslage irgendwie zu wehren. Die
künstlerische Produktion aber ist durch sie
nicht abgebunden. Auch unsere „Kunst"
wird unseren Nachfahren als der sinngemäße
„Ausdruck" unserer Zeit erscheinen.

Das Besondere in unseren Tagen ist aber
nun, — und hier liegt das eigentlich Proble-
matische unserer Situation in Hinsicht der
Kunst, — daß wir diese zu vollziehende Ord-
nung, die Scheidung von „Zeitgemäßem"
und „Unzeitgemäßem" nicht etwa den nach
uns Kommenden und ihrer Distanz, die sie von
uns und unserem Tun haben werden, über-
lassen, sondern uns durchwegs bemüht zeigen,
sie selbst schon zu vollziehen. Es ist eine Art
„Schnellebigkeit": nicht nur das Gestern, son-
dern auch das halbe Heute, aus dem wir erst
den einen Fuß uns vorzustellen anschicken,
schon als „historisch" geworden anzusehen, —
ein „Tempo" des Reflektierens sozusagen, das
mit der etwas atemlosen Bewegtheit „realen"
beutigen Lebens nicht nur Schritt hält, sondern
sich mitunter, über sie hinweg, überschlägt.

Sucht man nun in der Kunstproduktion die
Spiegelung seiner „Zeitgefühle", und macht
man gar einen Wertmaßstab für die Rang-
ordnung heutiger Werke daraus, wie sehr sie
uns und unserem Gefühl als „zeitgemäß" er-
scheinen, so gerät man in ebenso verhängnis-
volle Verwechslungen, wie der Schaffende, der
die Kenntnis jener Tatsache, daß die Kunst
stets der „Ausdruck" ihrer Zeit sei und sein
müsse, auf sein eigenes Tun anwendet und es
damit unter intellektuelle Beeinflussungen stellt,

XXXII. März 1929 0
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