Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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NEUE KERAMISCHE ARBEITEN

DER KUNSTGEWERBESCHULE HALLE

Immer, wenn eine Menschheit an der Über-
kultur, an der Überzüchtung ihrer künstle-
rischen Äußerungen zerbrach und in jäher Er-
kenntnis ihrer Naturferne mit aller Gläubigkeit
wieder „primitiv" wurde — ohne Kultur zu
zertrümmern —, begann sie zu Ton, zu Kera-
mik zu greifen.

Die neue keramische Kultur in Deutschland
stieg mit dem neuen Menschen herauf, den der
Krieg geboren hatte, den unerhört grausames
Erleben in die Tiefen seiner Innenwelt stieß
und über die erste aufgärende Not zu dem
weisen Erkennen der Selbstbeschränkung,
Selbstvereinfachung führte. Als ein Höchstmaß
geistiger Disziplin erstand eine neue primitive
Formkultur, die nicht außerhalb des Menschen
wirkte, sondern durch engste Beziehung zu ihm
Leben und Sinn empfing. Sie irrte eine Zeit-
lang zwischen der Alternative „Maschine oder
Handwerk", bis sie gewahr wurde, daß die ver-
schiedenen geistigen Bedingungen der Zwecke
beiden Produktionsformen nebeneinander Raum
geben können.

Keramik muß immer Werk der Hand bleiben.
Aus ihrer Lebenssinnigkeit heraus. Der Odem
des Menschen ist in ihr; Kraft durch Kraft, ein-
geschlossen in die endlose Bewegung ihrer
Kreisform. Lebendige Hände bilden mit dem
ewigen Stoff gegenwärtigste Vorgänge — eine
Keramik voller drängender Gegenwart. Nicht
alle Keramik, die heute in Blüte steht, erfüllt
diesen Sinn; die meiste genügt sich im dekora-

tiven Effekt, wie das Porzellan zumeist. Reine
Primitivität fordert aber reine Form, Ökonomie
des geistigen Ausdrucks.

Arbeiten, wie sie hier als Erzeugnisse der
Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in
Halle gezeigt werden, offenbaren eine selten
klare Verbundenheit mit den allgemeinen, durch
die Jahrtausende lebendig gebliebenen Mensch-
heitsformen der Keramik. Sie stehen mit den
Arbeiten der Werkstätten Douglas-Hill, Groo-
tenburg und weniger anderer, die alle zu indi-
viduellen Formergebnissen gelangt sind, an der
Spitze der deutschen Keramik. Man spürt eine
scheulos offen bekannte Bodenständigkeit in
diesen unkomplizierten, unproblematischen
Formen und erkennt eine reich variierte Skala
hineingestalteter Lebensgefühle. Und hier öff-
nen sich wertvolle Einsichten in Persönliches:
Die Hallesche Meisterin, Marguerite Fried-
länder, übertrug aus den Dornburger Werk-
stätten des Bauhauses bodengewachsenenHand-
werksgeist nach Giebichenstein. Sie verant-
wortet diese Formen und lehrt die Technik,
einen festen, undurchlässigen, dünnwandigen
und hellklingenden Steinzeugscherben zu bren-
nen, der auch unglasiert eine edle Wiikung be-
sitzt, der aber in mattschwarze, braune, graue,
bläuliche oder grünliche Glasuren eingehüllt
den ungewöhnlichen Reiz herber Schönheit
ausstrahlt. Diese Keramik ist individuelles
Sammelstück und höchste Qualitätsware zu-
gleich............. DR. HERBERT HOFMANN.

XXXII. Januar 1999. 7
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