Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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Aufgaben des Glases

Glasfachschule in Zwiesel (Fachlehrer j Prof.
Mauder) und an den interessanten eigenwilligen
Auseinandersetzungen mit dem Glasmaterial,
wie sie etwa Richard Süßmuth (Penzig) sehen
läßt. Auch die für die Deutschen Werkstätten
entwerfend tätigen Künstler sind hier zu nen-
nen wie z. B. Wolf gang von Wersin. Bei Orre-
fors- und Murano-Gläsern erkennt man aber
eine so große Sicherheit des Stilgefühls, wie sie
deutschen Hütten (man vergleiche die abgebil-
deten Beispiele von Steigerwald Regenhütte
und Theresienthal) meist nur bei reinen Zweck-
formen eigen ist.

Auf dem Gebiete der Glasbläsereien, des vor
der Glasbläserlampe weiterverarbeiteten Glases
entstehen freilich bei uns Dinge von sonst kaum
erreichter Köstlichkeit. Die Arbeiten von Mari-
anne von Allesch sind hier unerreichtes Vor-
bild und lassen verstehen, wie berechtigt es
war, daß die Künstlerin von der Arbeitsge-
meinschaft für deutsche Handwerkskultur be-
auftragt war, in unmittelbarer Lehrtätigkeit im
Glasbläserlande Thüringen die bodenständigen
Glasbläser formal zu beraten. Gibt es doch
dort ein von Generationen überkommenes tech-
nisches Können der Glasbläserkunst, das nur
einer sicheren Geschmacksschulung bedarf, um
die volkstümlichen Erzeugnisse auf die Stufe
eines geläuterten Geschmacks zu heben. Ein-
zelne von diesen Glasbläsern wie etwa Max
Grimm in Ilmenau treten schon heute durch ihre
starke Begabung sichtbar hervor, ohne daß die
naheliegende Gefahr überflüssige „Nippes" zu
schaffen, immer gemeistert würde. Der Grund
für diese Erscheinung liegt freilich großenteils
darin, daß ein Großabnehmer Thüringer Glas-

bläsereien heute Amerika ist, das dabei an vie-
len Dingen ein kindliches Vergnügen findet, die
uns als geschmackswidrige Spielereien gelten.
Die schöne Aufgabe, diesen Export neben seiner
materiellen Bedeutung auch kulturell werbend
zu gestalten, dürfte nicht so leicht lösbar sein.

Das führt aber zu der Frage, welche Aufgabe
dem Einzelglas als Zierstück im Rahmen unsrer
heutigen europäischen Kulturlage und bei un-
seren im allgemeinen beengten wirtschaftlichen
und sozialen Verhältnissen noch bleibt. Es will
scheinen, daß eine der Hauptaufgaben in der
schlichten Zweckgestaltung der Gebrauchsgläser
bestehen muß, wobei das Ornament und die
Veredelung hinter der formalen Lösung zurück-
zutreten haben. Die Zeit der Vitrinen und Kon-
solen unserer Großeltern und Eltern ist vorbei.
Die Aufgaben für das Glas in unserer Zeit be-
stehen nicht in der Schaffung von Stücken, für
die es außer in Museen oder in museumsglei-
chen Wohnungen keine Verwendungsmöglich-
keit gibt.

Die lebendige Aufgabe des Glases liegt viel-
mehr in erster Linie auf dem Gebiete der Ar-
chitektur. Den Lebensbedürfnissen sollen sich
auch die veredelten Materialien eingliedern.
Davon kann das Glas keine Ausnahme bilden.
Aber an den Stätten gemeinsamer Arbeit, ge-
meinsamer Erholung, in öffentlichen Gebäuden,
Theatern, Hallen, Sportplätzen, Parks usw. ist
für Anwendung nicht nur des Glases als Bau-
stoff, sondern auch des Glases als hochquali-
fiziertes edles Schmuckstück, das der allge-
meinen Freude dienen soll, noch ein Wirkungs-
bereich gegeben, der fruchtbar gemacht sein
will. Das wird die Zukunft zu zeigen haben.

LICHTREKLAME UND STRASSENRAUM

VON DR. OSKAR SCHÜRER

Das Raumempfinden des modernen Menschen
ist nicht übermäßig stark ausgeprägt. Die
Entwicklung des 19. Jahrhunderts hatte es be-
denklich einschrumpfen lassen. Erst diese Tage
lassen es in Ansätzen wieder aufkeimen. In
der kleinsten Zelle: im Innenraum setzten diese
neuen Keime an. Von da aus eroberten sie all-
mählich das Haus. Und jüngst wächst es hie
und da auch schon wieder hinaus auf die Plätze
und Straßen, auf Siedlungsanlagen zuerst, dann
auf ganze Stadtanlagen. Zugegeben: vorerst
bleibt das meiste noch Projekt und Traum.
Aber es wird doch schon diskutiert. Und Dis-
kussion ist aller wirklichen Dinge Anfang, so
wie bei den Griechen das Staunen als Anfang
aller Philosophie galt. Manchmal aber sind

Wirklichkeiten vor aller Diskussion, vor aller
Überlegung da. Dann gilt es, sich dieser über
Nacht erstandenen Wirklichkeiten bewußt zu
werden. Denn erst bewußtes Aufnehmen ver-
bürgt fruchtbare Nutzung, verbürgt vor allem
Sinngebung für unser eigenes Leben.

So kann es uns mit der Straßen-Lichtreklame
gehen. Über Nacht fast war sie da, und be-
stimmte das abendliche Antlitz unserer Groß-
städte. Viel Phantastisches wird in ihr erfunden
und empfunden. Wertreihen unseres Empfindens
werden durch sie angeregt, die mit dem sie
bedingenden nackten Zweck schon gar nichts
mehr zu tun haben. Der Lichttaumel einer
Großstadtstraße von heute und morgen be-
schwingt uns unsagbar. Theater, Zirkus, Sonnen-
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