Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 63.1928-1929

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ERNA PINNER. »KANINCHEN«

ERNA PINNER UND DIE TIERE

VON DR. PAUL FERI). SCHMIDT

Vor einigen Jahren gab es bei Flechtheim in
Berlin eine reizende Doppelschau: Skulp-
turen von Renee Sintenis und Graphiken von
Erna Pinner vereinigten sich zu dem anmutig-
sten Lobe des Tieres, das man wohl erlebt hat.
Seitdem ist Erna Pinner auch in weitesten
Kreisen bekannt geworden. Freunde der Tier-
welt und edler Buchkunst — manchmal fällt
beides sogar zusammen — haben sie aber
schon früher längst geschätzt als geistreiche
Zeichnerin aller erdenklichen Insassen von zoo-
logischen Gärten und Hundezwingern; meist in
Verbindung mit vortrefflich ausgestatteten Bü-
chern von Kasimir Edschmid, Klabund, Fleuron
und allerlei Luxusdrucken; aber auch in freien
Schöpfungen radierter und gezeichneter Blätter.
Beide Arten sind aber völlig gleich, und es wäre
verkehrt, die in Büchern enthaltenen als Illu-
strationen zu bezeichnen. Sie schmücken aller-
dings das Buch in einer vorbildlichen Weise,
sie passen sich in ihrer zartangelegten Strich-
führung dem Satz und dem Seitenbilde aufs
glücklichste an. Aber sie illustrieren nichts,
sind graphische Apercus, zum Texte gleichsam
beiseite gesprochen, wahre Ergänzungen des
Malers zur Wortkunst des Schriftstellers: Land-
schaften und Tiere, die beide gesehen haben,
werden so auf die anschaulichste Art von zwei
Seiten, von zwei Kunstwelten aus beleuchtet. .

Aber die Künstlerin hat auch selber oftmals
das Wort zur Interpretion ihrer Lieblinge er-
griffen, und es kann auch der, der nicht sebr
gewohnt ist, Leben und Geheimnis aus graph-

ischen Blättern herauszulesen, auf direktem
Wege der Aussage von ihr erfahren, wie tief
und psychologisch sie das Wesen der Tiere er-
faßt hat. Am umfänglichsten und mit bezau-
berndem Humor in dem (bei Erich Reiß erschie-
nenen) „Schweinebuch". Wenn unsere Zeit
Grund hat, sich etwas zugute zu halten, so wäre
es wohl das, gegenüber früheren Jahrhunderten
Europas (aber auch nur hier) unendlich gestei-
gerte Verständnis für Tiere und Kinder; eine
Künstlererscheinung wie Erna Pinner wäre zur
Zeit der Renaissance und auch noch in dem
dummstolz-anthropomorphen 19. Jahrhundert
nicht möglich gewesen. Sie sieht nicht auf das
Tier mit sentimentalem oder ironischem Mitleid
herab, sie spricht zu ihm als zu ihresgleichen,
und das Tier enthüllt der Gefährtin unbewußt
sein Inneres, das ja im Grunde so offen daliegt
in den naiven und herrlich wahren Geberden
der Geschöpfe.

Zu bewundern bleibt dabei, und es ist das
eigentliche Geheimnis ihrer schöpferischen Wir-
kung, mit wie unvergleichlich einfachen Mitteln
sie ihre Charaktere darstellt; wie mit ein paar
krausen oder elegant ausgeschweiften Strichen,
die ohne Zusammenhang dastehen und die Kon-
tur immer wieder unterbrechen, die Gesamtheit
des Tieres hingeschrieben wird, daß es wie aus
einem Guß dasteht. Diese Sparsamkeit der
Mittel ist auch der Grund, warum ihre Zeich-
nungen so ausgezeichnet in buchtechnischem
Sinne wirken. Man sieht nur das Wichtige, das
Tier selber ohne Milieu und Raum, alles Inter-
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