Die Gartenkunst — 32.1919

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wort betonte, mit Unterstützung aller Mitglieder
und Freunde ihrer Bestrebungen diese Erwar-
tungen erfüllt und ein wichtiger Faktor bleibt,
das Gartenwesen zu einem wirksamen Mittel
bei dem Neuaufbau unserer Zukunft zu machen.

Heidce.

Kunst und Natur.

Der Artikel des Herrn Bergfeld in der April-
nummer 1919 über „Naturalismus im Garten“ ent-
hält Anschauungen, die im Interesse unserer Kunst
nicht unbeantwortet bleiben dürfen.

Der Artikel kann nur durch eine Untersuchung
über das Verhältnis von Kunst und Natur klarge-
stellt werden. Diese Frage ist so wichtig, daß
jeder schaffende Künstler, Kritiker und kunstge-
nießende Laie sich hiermit auseinanderzusetzen
hat, will er zu klarem Schaffen, zu gerechter Kritik
und zu richtigem Verständnis und Genuß in der
Kunst gelangen.

Wenn wir den äußeren Aufbau unserer Pflanzen-
welt beobachten, wenn wir mit dem Mikroskop bo-
tanische Präparate durchsehen und uns von dem
inneren Bau der Pflanzen und der sich in ihnen
abspielenden Lebenserscheinungen ein klares Bild
machen, werden wir immer und immer wieder aufs
Neue von Ehrfurdit und Achtung vor der überall
zu Tage tretenden Gesetzmäßigkeit erfaßt. Ebenso
ist es in der Tierwelt. Selbst im Anorganischen
finden wir in den wunderbaren Kristallformen der
Mineralien eine sich nach ehernen Gesetzen wieder-
holende Gesetzmäßigkeit. Im Organischen und An-
organischen weben die chemischen und physikalischen
Gesetze im ewigen Werden und Vergehen. Sie be-
herrschen nicht nur die Erde, sondern bauten das
ganze Weltsystem auf und halten es zusammen.
Endlich wollen wir an den Menschen mit seinem
Geist denken. Audi im menschlichen Körper und
in den durch den Körper bedingten geistigen Äuße-
rungen finden wir wieder das gleiche Streben nach
Gesetzmäßigkeit. Durch den Geist erkennen wir
diese Gesetze und werden uns ihrer bewußt. Wenn
wir alles zusammenfassen, können wir sagen, daß
dies Streben nach klaren Gesetzen die Idee der
Welt ist. Wir müssen annehmen, daß der Mensch
mit seinem Geist nur einen Bruchteil der Gesetze
kennt. Immer werden neue Gesetze von der Wissen-
schaft entdeckt. Das Gesetzmäßige tritt durch seine
Unvollkommenheit, Kompliziertheit und durch das
Ineinandergreifen vieler Gesetze „unklar“ in die
Erscheinung.

So erscheint es auch selbstverständlich, daß
alles, was der Mensch schafft, seine Kultur und da-
mit auch die Kunst, in diesen Bahnen wandeln muß.
Lichtwark drückt dies mit den Worten aus: „Der
Mensch ist von Haus aus ein Ordner“. In der Kunst
verlangt der Mensch nach einer klareren Gesetz-
mäßigkeit als die in der Natur. Man könnte sagen,
in der Kunst verehrt der Mensch das Höchste, was
er in der Natur erkannt hat, dadurch, daß er das
Gesetzmäßige zum klarsten und reinsten Ausdruck
bringt. Plato spricht von der „Idee“, die ihm als
Höchstes in der Kunst erscheint. Aristoteles sieht
in dem Kunstwerk „das gereinigte Bild der Natur“
und, wie Plato, „eine Nachahmung der der Natur
zu Grunde liegenden Idee“. Deshalb sprechen wir
ja auch von „freier“ Kunst und von „freiem“ Ge-
stalten. Wir machen uns frei von dem Nachahmen
der Natur, von einem niedrigen Naturalismus. Da-
mit bin ich zu dem wesentlichen Unterschied von

Natur und Kunst und zum Kern des künstlerischen
Schaffens gelangt. Dies Herausschälen des Wesent-
lichen ist ein geistiger Vorgang und als das rein
Künstlerische zu bezeichnen. Wir sprechen aus
diesem Grunde von einem „Umwerten der Natur“,
weil wir die Natur anders wiedergeben. Wenn wir
daher mit Stift oder Farbe die Natur mechanisch,
d. h. ohne Geist, so abschreiben, daß das Produkt
dem Auge wie die Natur erscheint und nicht als
„das gereinigte Bild der Natur“, in dem „seine
Idee“ ausgedrückt ist, erhalten wir kein Kunstpro-
dukt. Lassen wir beispielsweise von uns beim
Gipser einen Abguß machen und diesen Abguß natur-
getreu anstreichen, wie die Figuren im Panoptikum,
so werden wir den großen Unterschied erkennen
zwischen wahrer Kunst und primitivem Naturalismus.
Es würde zu weit führen und muß dem Leser über-
lassen bleiben, diesen Vergleich bei allen Künsten
durchzudenken. Nur gestatte ich mir darauf hinzu-
weisen, daß in diesem Zusammenhang die soge-
nannte naturalistische Gartenkunst nicht anders als
Panoptikumkunst erscheint. Sie wirkt nur deshalb
erträglich, weil Kraut, Strauch und Baum naturschön
sind und der Landschafter die Natur „gewähren“
läßt. Sie ergreift schließlich wieder vollständig
Besitz von seinem Machwerk.

Die Bergfeldsche Ausführung läßt keinen Zweifel
an einem wildesten Naturalismus aufkommen. Trotz-
dem gibt Herr Bergfeld zu, daß die Gartenkunst
der Phantasie entspringen müsse. Das Bergfeldsche
Gartenprodukt entspricht vielmehr seinem Gedächt-
nis an gewisse Naturszenerien, aber nicht seiner
Phantasie. Mit Phantasie ist der Begriff des Um-
werfens verbunden.

Ich erlaube mir einen Moment vom Thema ab-
zuweichen, weil ich zu deutlich den üblichen Protest
höre: „Die Natur ist aber doch schön, und das
Schöne will ich in meinem Garten haben“. Aus dem
ganzen Zusammenhang dieser Ausführung wird klar,
daß wir das Naturschöne und Kunstschöne zu
trennen haben. Auf jeden Fall ist das Ziel und die
Aufgabe der Gartenkunst das Kunstschöne
und nicht das Naturschöne. Daran ändert auch
nicht die Berechtigung eines Naturgartens für den
einseitigen Naturfreund, für den botanischen Garten,
(der die natürlichen Bilder der Pflanzengesellschaften
zeigen will), für den Naturpark (der die Aufgabe
hat, unberührte Natur zu erhalten), und für den
Waldpark (der vorhandene Natur aufschließt und
zugänglich macht). Es ist kein Zweifel darüber, daß
bei den besten Schöpfungen landschaftlicher Ge-
staltung ein Abweichen von der Natur, ein Ringen
nach größerer Klarheit als die in der Natur vor-
handen ist. Zweifellos ist aber die sogenannte
Landschaftskunst auf halbem Wege stehen geblieben
und erscheint daher bestenfalls als Halbkunst. Das
Naturobjekt des Landschaftsgartens ist die Schwemm-
landschaft, die durch die Arbeit des Wassers ihr
eigenartiges klares Gepräge erhält. Ist die Spree-
landschaft etwas anderes als der englische Park?
Es bleibt für die künstlerische Arbeit und für die
Phantasie des Landschaftsgärtners in seinen besten
Arbeiten nicht viel mehr übrig als nachzuahmen,
sich passiv zu verhalten und die Natur gewähren
zu lassen.

Ein anderer wesentlicher Unterschied in mate-
rieller Beziehung darf bei unserer Betrachtung über
Kunst und Natur nicht vergessen werden. Bei der
Malerei und Plastik ist das Naturobjekt lebendige
organisierte Masse, beim Kunstwerk ist es Ölfarbe,
Leinwand, Stein und Bronze, Während das Natur-
produkt äußerlich und innerlich organisiert ist, trifft
dies beim Kunstprodukt nur von der Oberfläche zu.
Malerei und Plastik sind eine Oberflächenkunst der
Erscheinungswelt der Naturkörper. Wegen diesem

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