Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 14.1903

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INNEN-DEKORATION. 85

PROFESSOR HANS CHRISTIANSEN.

In Scherrebek gewebter Wand-Teppich.

Eduard Wiegand-Budapeft, ein ungarifcher Gewerbe»Künffler.

Es war vor wenig Jahren, da tauchten im
ungarischen Kunstgewerbe-Palais Arbeiten
eines neuen Mannes auf: niedliche Zeich-
nungen mit einem pikanten Strich, sauber und
graziös. Klare Formen schlössen sich zu einem
0riginell gestalteten Ganzen, nichts Wuchtiges, nichts
Vierschrötiges, kein einziger Pfosten, lauter Bretter
Ur»d ]Frettchen. Man war neugierig, wie diese
Papierne Kunst in's Hölzerne übersetzt aussähe,
'fian erwartete etwas, das man die Sensation der
Materie nennen kann. Bald darauf sah man die
Dingerchen in ihrem Brett-Habitus; nun ward es
erst recht klar, dass man es hier mit einer Kon-
struktions- und Linien-Kunst zu thun habe. Erst
Jetzt ward man gewahr, dass die pikanten Kontour-
Striche weit nicht jenen feingewogenen Schwung
Und Elastizität hatten. Das klar geschnittene Brett
2eigte eben jene Formen, welche man aus dem
Material fühlen muss, denn in der Zeichnung bleiben
diese hart und leblos. Doch Manches entpuppte
^c'i noch. Da stand ein kleines Tischchen für
amen-Handarbeiten. Es beanspruchte wenig
auro und wenig Material und doch barg es in
Slch einen ganzen Laden, nach allen Richtungen
der Windrose konnte man da Fächer und Platten
aufthun und verstellen. Der Witz gefiel, doch
deutete er schon damals darauf, dass man es hier
einem Künstler zu thun habe, welcher mit dem
aum recht gut umzugehen versteht. Auch Raum
* Geld und ausserdem bietet der Raum eine jener
Nützlichen Schranken, welche aus dem Künstler
eir»en Stil gewissermaßen herauszwingen.

Nun ward Eduard Wiegand, der Meister all
dieser Arbeiten, plötzlich bekannt und beliebt. Und
da er nunmehr Gelegenheit bekam, auch in den
Werkstätten und nicht nur am Zeichenpult zu
arbeiten, entwickelte er sich auch schnell und konse-
quent. Der Späne-Geruch der Schreinereien erzieht
besser als jede klipp- und klare Theorie. Er ward
zum Holz-Gourmet und dachte aus Holz, wie die
guten Bildhauer aus Stein dachten. Sein Liebling
ist das Brett geblieben. Ich will dies mit Nach-
druck hervorheben, da sein prägnanter, sich ganz
aussprechender Stil teilweise in der konsequenten
Benützung dieses Materials wurzelt. Das Brett
bietet der Gestaltung viel mehr Schranken, als der
an allen Seiten bearbeitbare Block oder Pfosten.
Und diese Schranke stellt sich dem entwerfenden
Künstler bei jedem Teilstück des Möbels gebieterisch
entgegen: sie muss immer wieder in IBetracht ge-
zogen werden und drückt ihren Stempel auf jeden
Teil des Ganzen. Ein Blick auf unsere beigegebehen
Illustrationen gibt hierüber den besten Aufschluss.

Aus diesem Material entwachsen seine Kon-
struktions-Formen. Das Überflüssige meiden, das
Notwendige klar und unverborgen zeigen, ist eine
unverkennbare Tendenz in all diesen Stücken. Ich
sah eine ganze Reihe Wiegand'scher Sessel und
Tische ohne je eine Form gefunden zu haben,
welche einer konstruktiven Rolle bar wäre. Alles
thut mit um ein organisches Ganzes zu bieten. Bei
manchen seiner Garnituren bekommt der Holz-
Schnitzer und Drechsler überhaupt keine Arbeit.
Nun könnte das Befolgen eines so puritanischen

J908. III. 3.
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