Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 14.1903

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INNEN-DEKORATION.

189

H. P. BERLAGE—AMSTERDAM.

Haupt-Fassade der Amsterdamer Börse.

fi. P, Berlages neue Börfe in Hmfferdam.

Wir stehen heute in einer neuen Epoche
holländischer Architektur, so gut wie
damals, im Jahre 1630, als der sehr
gelehrte, mit italienischer Renaissance-Kultur voll-
gepropfte Herr Jacob van Kampen das Wohnhaus
seines Freundes Balthazar Koymans auf der Keizers-
gracht baute. Es ist nicht uninteressant, Vergleiche
2u ziehen zwischen damals und heute. Jacob van
■Kampen, der nach den groben, derben, ursprüng-
lichen Architektur-Formen eines Lieven de Key
ln Leiden und Haarlem, eines Hendrik de Keyser
ln Amsterdam, zum erstenmale den »streng klassi-
schen« Stil nach Holland verpflanzte, war Dilettant,
ür>d zwar ein sehr vornehmer, und, wie gesagt,
ein sehr gelehrter Dilettant. Ein Mann von Ge-
schmack. Ein Schwärmer für Italien. Er baute
Sehr gelehrte, in Bezug auf die Verhältnisse, sehr
geschmackvolle, aber auch sehr nüchterne Häuser
darunter das Amsterdamer Rathaus) mit fremden
formen und fremden Hausteinen. Hätte Herr
Cuypers, der Erbauer des Reichs-Museums und

Hollands patentiertester Architekt, zu dieser Zeit
gelebt anstatt heute, er hätte sich noch mehr ent-
setzet vor dem Mangel an »holländischer Tradition«,
wie heute vor H. P. Berlage's Amsterdamer Börse.

Es ist nicht leicht, sich an Neues zu gewöhnen,
zumal in Holland nicht, wo die Liebe zu dem Über-
lieferten in der grossartigen, immer noch mächtig
nachwirkenden, einstigen Kultur ihre tiefe Berech-
tigung findet. Aber uns dünkt die Zeit um 1903,
was die Architektur anbetrifft, reicher, frischer,
jugendlicher und holländischer, als die Zeit von 1630!
Und da es für Holland Berlage ist, in dem diese
neue Architektur-Epoche gipfelt, und die vor Kurzem
eröffnete Neue Börse wiederum den Höhepunkt
in Berlage's künstlerischem Schaffen darstellt, so
dünkt uns dieser Bau von einer Bedeutung, die
weit über Hollands Grenzen hinausgeht.

Berlage ist kein Gelehrter wie J. van Kampen
und kein Dilettant (»Die Nachtigall von Amers-
foort« nannte der Dichter Vondel den aus Amers-
foort gebürtigen Baumeister, der so ungezwungen

1908. VII. 4.
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