Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 14.1903

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Billige, gefchmackuoHe Wohnungseinrichtungen,

Einige Worte zum Wettbewerbe der „Snnen-Dekorafiorr.

Wie den Lesern bekannt ist, hatte die Leitung
dieser Zeitschrift im Januar-Hefte des
vorigen Jahrganges einen Wettbewerb um
die Erlangung von Entwürfen zu billigen Wohnungs-
Einrichtungen ausgeschrieben. Die Entscheidung
ist inzwischen erfolgt und ebenfalls bereits im
November-Hefte vorigen Jahres (i. Seite des Anzeige-
Anhanges) bekannt gegeben worden. Zu der nunmehr
erfolgenden Veröffentlichung der preisgekrönten
Entwürfe seien mir einige Betrachtungen gestattet.
Ich bemerke dabei im Voraus, dass ich zwar die
Ehre hatte, im Preisgericht mitzuwirken und dass ich
somit eine Ubersicht über sämtliche eingegangenen
Entwürfe gewinnen konnte, dass ich aber nicht etwa
im Auftrage meiner Herren Mitjuroren spreche, unter
denen ja naturgemäss auch nicht in allen Punkten
Ubereinstimmung der Meinungen bestehen konnte,
sondern dass ich nur meine eigene Ansicht zum
Ausdruck zu bringen beabsichtige und vermag.

Der Ruf nach billigen, künstlerisch wertvollen
Wohnungs-Einrichtungen ist ein sehr berechtigter.
Die neue Bewegung innerhalb der angewandten
Künste, die unstreitig immer weitere Kreise ergreift
und in Turin erst eben wieder, trotz aller Aus-
streuungen verständnisloser Kunst-Scribenten, ihre
innere Gesundheit trotz mancher Verfehlungen
sieghaft bewiesen hat, — die neue Bewegung leidet,
neben anderen — Kinder-Krankheiten, unstreitig
daran, dass ihre Erzeugnisse fast stets nur dem
Wohlbemittelten zugänglich sind. Damit aber fehlt

ihr die Berührung mit dem Volke, die allein auf
die Dauer eine gesunde und bodenständige Kunst
heraufzuführen vermag. Es muss daher die vor-
nehmste Sorge einer verständigen Kunst-Politik
sein, durch wohlfeile Erzeugnisse die breiteren
Schichten für wirkliche Kunst zu gewinnen. Aus
diesem Gesichtspunkte war das Preisausschreiben
entstanden, deshalb verdiente es besonders freudig
begrüsst zu werden.

Aber freilich, in Hunderten von Zeichnungen
wurde der Beweis erbracht, dass die Absicht der
Ausschreibung nicht verstanden worden, dass der
einzuschlagende Weg zu einer wohlfeilen Kunst
nicht erkannt worden ist. Und wenn ich nun
behaupte, dass das Endergebnis schliesslich doch
zu einer höchst befriedigenden Förderung der Frage
geführt hat, so bin ich ziemlich sicher, dass die
Mehrzahl der Leser angesichts der Abbildungen
mich für voreingenommen halten und die Entwürfe
als einigermaassen enttäuschend bezeichnen wird.

Dies liegt aber, meine ich, eben an jenen
weitverbreiteten Anschauungen, die auch so manche
tüchtige künstlerische Kraft bei dem Wettbewerb
irre gehen Hessen, und die zu klären leider nicht
mehr allein durch die Betrachtung der Kunst-
Gegenstände selbst möglich ist. Sie müssen besprochen
werden, wie weit auch immer die Erörterung hinter
dem unmittelbaren Kunst-Eindruck zurückbleiben
muss. — Durch Jahrzehnte ist unser Geschmack
und Urteil dergestalt irregeleitet worden, dass wir

1908. I. 3.
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