Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 14.1903

Page: 247
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1903/0277
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION.

247

Rofizen zu ucin de Peldens neueffen Schöpfungen,

VAN DE VELDE ist Architekt und wer ihn
aus seinen Möbeln erkennen will, der wird
ihn immer nur stückweise fassen. Aber die
Teile, die er uns damit in die Hand gibt, sind stets
der Betrachtung wert. Sie werden uns die einzelnen
Seiten seiner Kunst immer wieder in neuer Beleuch-
tung erscheinen lassen. — Einzelne der hier ab-
gebildeten Möbel zeigen ihn von einer seiner inte-
ressantesten Seiten. Wenn ein Fremder an van de
Velde etwa schreiben würde, er möge ihm ein
Arbeits-Zimmer, einen Schreib - Tisch, ein Mono-
gramm, eine Lampe entwerfen, so würde er ihm
vermutlich antworten, dass er den Besteller zu-
nächst persönlich kennen lernen müsse. Er wird
nur ungern Gebrauchs-Gegenstände schaffen für
Menschen, die ihm fremd sind. Er will wissen,
wer in seinen Stühlen sitzen, wessen Atmosphäre
die neu zu schaffende Umgebung erfüllen wird.
Wer seine Dinge von der Oberfläche her ansieht,
der gewahrt ungewohnte Linien, deren Gesamtheit
das gemeinsame Merkmal eben des Ungewohnten
an sich trägt, daher die »ewig wiederkehrende, gleich-
mässige Linie« als Schlagwort ablehnender Kritik
herhalten muss. Wer sich in diese Dinge hinein-
lebt — und das ist nur möglich vor den Originalen
selbst, nicht vor den Reproduktionen — der begreift
die ungeheuere Mannigfaltigkeit, die erstaunliche
Ausdrucks-Fähigkeit dieser Linie. Abgesehen von
ihrer formalen und konstruktiven Bedeutung weiss
sie in all den Schöpfungen, in denen der Künstler
dem Wesen des Bestellers Rechnung tragen konnte,
etwas von diesem Wesen wiederzugeben. Die Formen,
die sie begreift, sind nicht abstrakt. In sie ist etwas
eingegangen von der Persönlichkeit dessen, dem sie
dienen sollen. Der Dichter muss seine Gestalten zu
leben wissen, sofern sie vom wahren Leben erfüllt sein
sollen. So dringt van de Velde intuitiv, schauend, in
die Menschen ein, denen seine Kunst dienstbar werden
soll. Darum sind seine besten Schöpfungen so oft
die, die er für seine Freunde und für die macht,
die ihm nahe stehen. Das 17. und 18. Jahrhundert
haben in Architektur und angewandter Kunst den
Menschen entdeckt; sie haben die Nutzkunst ver-
menschlicht. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts
hat diese an so vielen Stellen verloren gegangene
Entdeckung wieder ausgegraben. Van de Velde ist
vom Menschen als Gattung zum Menschen als Spezies
fortgeschritten. Es ist das eine der bezeichnendsten
Formen, in der unser Streben nach starker Aus-
bildung und nach prägnantem Ausdruck der Indi-
vidualität Gestalt gewonnen hat. Der Raum, aus dem

die Abbildungen auf S. 251, 252 und 264 stammen,
gibt hierfür einen bezeichnenden Beweis. Der un-
gewöhnlich entwickelte Geschmack des Bestellers
Hess ihn sich umgeben mit Kunst-Werken aus-
schliesslich ersten Ranges; diese aber in so geringer
Zahl, dass keines dem andern Eintrag tun kann.
Diesem Umstand war Rechnung zu tragen. Die
Umgebung musste der dominierenden Gewalt dieser
Kunst-Werke sich unterordnen. Alle Möbel sind
von einer zwingenden, handgreiflichen Logik. Ihre
Schönheit beruht auf der inneren selbstverständlichen
Schönheit des Materials, auf der Zweckmässigkeit
und Augenscheinlichkeit seiner Verwendung und
auf den vollendeten Maßverhältnissen. Nichts weiter.
Kein Ornament, keine Linie, keine Form, die als
solche sich uns aufzwingt als ein Ding an sich,
dem Beachtung zukommt, das die Aufmerksamkeit
fesseln und das unser Gefühls-Leben in Schwing-
ungen bestimmter Farbe versetzen will. So wenig,
wie dem Kontrapunkt eine andere als relative Be-
deutung zukommt. Denn diese wunderbar einfachen
Möbel sind nichts, als die in feierlicher Würde und
Sicherheit erklingenden Grundtöne zu der reichen
und mannigfaltigen Tonführung, wie sie durch die
Plastik Japans und Griechenlands, durch die Bilder
von Hofmann, Signac und Cross bestimmt sind. Dass
van de Velde die stolze Bescheidenheit hatte mit seiner
Kunst jener anderen Kunst zu hellerem, reinerem
Leben zu verhelfen, das zeigt seine tiefe Ehrfurcht
vor allem, das wirklich gross ist. Und die Kunst,
die hier der Kunst dient, wird, weil aus gleichem
Geist geboren, von schweigenden Händen unver-
sehens zur gleichen Wertstufe hinaufgehoben. Und
noch eins scheint aus diesen Möbeln deutlich zu
uns zu sprechen: dass sie in ihrer Nähe keinerlei
Unklarheit des Gedankens dulden werden. Diese
gesunde Erdsicherheit des Gebrauchs-Gegenstandes
als Kontrast zur erdbefreiten, göttlichen Leichtigkeit
der Kunst-Werke — es Hesse sich noch mancherlei
darüber sagen, aber solche Betrachtungen haben
nur vor den unmittelbar zu uns sprechenden
Werken selbst einen Wert.

Darum sollen auch nicht alle hier reproduzierten
Möbel einzeln kommentiert werden. Von besonderem
Interesse ist das Büffet S. 259. Die leicht geschweifte
Vertikal-Verbindung von Platte zu Fuss hat nicht
nur die konstruktive Bedeutung, als Stütze der über-
kragenden Platte zu dienen. Sie gibt gleichzeitig
als Komplement zu der von unten nach oben sich
verjüngenden Linie des eigentlichen Schrankes dem
ganzen Möbel eine denkbar einfache Kontur; und
loading ...