Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 14.1903

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INNENDEKORATION

MEIN-HEIM -

rtEIN-STOLZ

XIV. 3HHRSHI1G.

Darmffadf 1903.

3UkI"HEPT.

Engliiches mobiliar und m. fi. Baillie Scott.

Wer mit der Vorstellung nach England
kommt, hier ein ausgesprochen modernes,
alle Schichten des Volkes durchdringen-
des Kunst-Gewerbe zu finden, der erlebt eine jener
Enttäuschungen, die für die Vierzehntags-Besucher
Londons geradezu typisch geworden sind. Es gibt
in London verschwindend wenig Häuser, die
»modern« eingerichtet sind, Geschäfte die sich dem
neuen Kunst-Gewerbe nach Art einer ganzen Reihe
neuer Häuser in festländischen Städten widmen,
sind so gut wie gar nicht vorhanden, Hotels, Klubs
Und Privat-Häuser, die der Fremde zu sehen pflegt,
schweigen gleichmässig von der erwarteten neuen
Kunst. Und doch wäre es falsch, hieraus voreilige
Schlüsse zu ziehen. Zunächst ist die Vorstellung
die sich im kontinentalen Kopf jetzt über den Be-
griff »modern« abspielt auf England gar nicht an-
wendbar. Das unerhört Moderne, das was die Leute
aufregte, weil es in schroffem Gegensatz zu dem
Gewohnten stand, liegt hier in den sechziger und
siebziger Jahren, als Morris mit seinen Stoffen, einige
Architekten mit ihren Ziegel-Bauten und Burne-
Jones und Whistler mit ihren Gemälden gegen den
Geschmack des Publikums Front machten. Damals
gab es Sensation und Kampf, bei den Duldsamen
•Kopfschütteln und bei den Unduldsamen Verdamm-
ung. Die Dinge, gegen die sich das alles richtete,

sind uns aber heute zu lieben Bekannten geworden,
sie fallen uns kaum mehr auf; selbstverständlich
sind sie gut, wer zweifelt daran noch? Neue
Sensationen sind seitdem, wenigstens in England
nicht entstanden. Von dem damals betretenen neuen
Wege sind nur einige nordische Künstler wie
Baillie Scott und die Schotten auf einen noch neueren
übergegangen, und derselbe Kampf, dasselbe Kopf-
schütteln, dieselbe Verdammung ereignet sich wie-
der, diesmal nicht nur von Seiten des Publikums,
sondern selbst von Seiten derer, die den vorher für
neu gehaltenen Weg beschritten. Das ist der uralte
Gang aller künstlerischen Entwickelung.

In England und insbesondere in London ist
nicht viel von den Schotten zu sehen. Die Londoner
Bewegung aber ist über den Standpunkt auf dem
sie Morris vor 7 Jahren verlassen hat, nicht vor-
wärts geschritten. Man vergisst indessen oft, dass
die Londoner Bewegung heute vor allem historisch
zu betrachten ist und dann auch, dass sie trotz allen
Einflusses, den sie auf breitere Schichten übte, im
Grunde doch nur eine Bewegung war, die sich an
einen kleinen Kreis wandte. Wie weit sich dieser
Kreis heute ausgedehnt hat, das auszuspüren ist
bei einem kurzen Aufenthalt in London nicht mög-
lich. Die Leute, die hier in Betracht kommen,
wohnen meistens gar nicht in London, sondern

1»08. vn. 1.
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