Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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HANS VON MAREES IN SEINEN BRIEFEN

Motto: „Nichts wächst Er-
freulichere* auf Erden, als ein
hoher starker Wille: der ist
ihr schönste* Gewächs. Eine
ganze Landschaft erquickt
sich an einem solchen Baume"
(Nietzsche)

Die Alten, die uns in vielen Dingen mit gutem
Beispiel vorangegangen sind, waren auch
darin taktvoll, daß sie nur die Biographien von
solchen Männern schrieben, die mit ihrer vollen
Persönlichkeit in der Gesellschaft standen ...
Gelehrte und Künstler, vor allem aber letztere,
wenn sie wirklich Beruf haben, müssen ihre
Persönlichkeit so sehr wie möglich den Augen
der Welt entziehen, wenn sie wirklich ihr Bestes
im abgeschlossenen Werk von sich ablösen
wollen" (317) *). Dieses Urteil, das sich in den
Briefen Hans v. Marees' befindet, hat nicht
hindern können, daß er selbst Gegenstand einer
umfangreichen Biographie wurde. Die Gefahren,
die den Biographen bedrohen, sind groß: ge-
wöhnlich scheitert er daran, daß er dem Schatten
des Toten von seinem Blute zu trinken gibt,
wodurch jener zwar lebendiger, aber, aus nahe-
liegenden Gründen, nicht ansehnlicher wird, und
daran, daß er das Unmögliche unternimmt, das
Werk des Toten mit Worten zu deuten, das
heißt, mit Jakob Burckhardt zu reden, es zu
„zerschwätzen". Ob man nicht zum Beispiel
dem Bilde „Das Bad der Diana" durch die
reine Anschauung näherkommt als durch die
Deutung des Biographen, es sei „Rokokomusik,
zu der Rembrandt den Takt schlägt"? Gewiß
bleibt, daß eine beharrliche und ehrfürchtige
Hingabe an das Werk und den selbstbiogra-
phischen Nachlaß Früchte tragen, die man von
keinem Mittler gepflückt und überreicht wünscht.
Von Hans v. Marees ist ein großer Teil seiner
Briefe erhalten. Auf diese als eine Quelle der
Freude und Kraft, zumal für jeden Künstler,
will dieser Versuch hinweisen.

Wohltuend unzeitgemäß in einer Zeit, der
die Klage Zarathustras gilt: „Alles gackert, aber
wer will noch still auf dem Neste sitzen und
Eier brüten?" fällt unter den großen Eigen-
schaften Marees' die Beharrlichkeit auf, mit der
er unbeirrt sein fernes Ziel verfolgt. „Man
muß Geduld und Beharrlichkeit wohl von ein-
ander unterscheiden. Ersteres ist eine Weiber-
tugend, das andere aber, meiner Ansicht nach,
die männlichste der männlichen Eigenschaften.
Ohne ein bestimmtes, wenn auch oft fernes
Ziel, ist sie nicht denkbar, ohne die Kraft, alles
Dazwischenliegende zu ertragen, nicht ausführ-
bar. Viele lachen über dergleichen und meinen,

•) Die beigefügten Zahlen bedeuten die Nummern der Briefe
im 3. Band der Biographie von Meier-Gräfe.

es sei das Klügste, den Augenblick zu nützen;
diese bedenken nicht, daß sie selber auf diese
Weise von der Zeit vernutzt werden, ehe sie
es gewahr werden, und ihr Leben arm und ge-
wöhnlich dahinfließt. Wenn aber der Beharr-
liche sich endlich langgehegten Absichten
nähert, fängt für ihn eine zweite Jugend an"
(17). Allerdings „das Schwierigste bleibt immer
das Abwarten: ich ersehne nichts mehr als den
Moment, wo Vorstellung und Darstellung in
eins zusammenfließen, doch weiß ich, daß das
noch einige Zeit braucht" (63). Aber „ich bin
nun fest überzeugt, daß ich den Lohn, um den

J. W. FEHRLE ZEICHNUNG

Die Kunst für Alle XXXVIII.

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