Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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E. MAYER-FASSOLD

MEERGÖTTIN AUF DELPHIN

WASSER UND BRUNNEN
IN ALTER UND NEUER SYMBOLIK

Im Steppenbrand der tropischen Sonne, auf
jenen baumlosen unendlichen Ebenen, wo die
Gluthitze über dem ausgedörrten Boden zittert
und flimmert und wo nach einem Regenguß
plötzlich wie durch einen Zauberschlag die
üppigste Vegetation aufkeimt, da ist die Heimat
jener ersten mythischen Vorstellungen von der
alles befruchtenden, alles nährenden Urkraft
des Wassers. „Wasser ist süßer denn Milch",
sagt im Sprichwort der Araber. In die Länder
nahe der afrikanischen Zone verlegte man den
Ursprung der vier Ströme, die aus dem Garten
Eden herkamen. Am Tigris, Euphrat und
Nil genoß das feuchte Element zuerst göttliche
Verehrung, erstanden die ersten Symbole, jene
bildlichen Wasserzeichen, die durch die Mytho-
logien aller Völker des Mittelmeerbeckens hin-
durch auch in den abendländischen Kreis und in

die christliche Symbolik eindrangen. In feuchte,
täuschende Nebelschleier eingehüllt, erscheint
das Bild der „fließenden" Maja oder Rhea, der
Urmutter alles Seins.

Okeanos ist der Stammvater aller Meeres-
götter. Wie Poseidon, schwingt er den Drei-
zack und erschüttert das Meer und die Erde.
Meerwasser ist das „Erzeugende", Flußwasser
das „Ernährende".

Göttliche Verehrung genoß daher der Nil.
Die in der vatikanischen Sammlung aufbewahrte
Nilstatue aus schwarzem Stein ist geradezu der
Typus einer allegorisch-symbolischen Darstel-
lung einer unendlichen Reihe von Flußgöttern
nach ihm geworden. Die am Boden lagernde
Gestalt erscheint als männliche Flußgottheit
von starkem Gliederwuchs, wohlbeleibt, mit
bärtigem Haupte. Der lagernde Gott stützt

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