Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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ERICH KUITHAN

Es wäre nicht schwer, den Rhythmus dieser
Seele und dieses Schaffens auf eine be-
sondere Formel zu bringen, aber doch gewiß
sehr töricht. Vielleicht, weil dieser Rhythmus
auf einen eng bestimmten und im Verhältnis zur
Ganzheit nur begrenzten Bezirk künstlerischer
Erlebnisse sich bezieht und daher eine bezeich-
nende Formel beinahe greifbar sich zudrängt;
aber sie würde die Schwermut ihres Gegen-
standes nicht restlos ausklingen machen und
gerade in ihrem Verstummen vor dem Rest der
Unsagbarkeiten das Tiefste vorenthalten. Man
könnte sagen, daß über einem traumerfüllten
und verschlossenen Temperament ein leiden-
schaftliches Auge die Dinge erlebt, und daß in
dieser Leidenschaft doch zugleich eine Einsam-
keit und Schamhaftigkeit verborgen liegt, die
das Auge immer wieder zu demselben Traum-
bild überredet. Man könnte ferner hinzufügen,
daß dieses Traumbild, das gleicherweise in dem
Antlitz einer Blume, einer Landschaft, wie in
dem reichen und schwermütigen Linienklang
einer ruhenden Frau offenbar liegt, durchtränkt
ist von der Glut und der Leuchtkraft vieler
Sommertage und von den Erregtheiten einer
seltenen lichterfüllten Stunde. Nun haben die
Dinge, wie wirkliche Traumdinge, nicht mehr
eine kostümliche Oberfläche, die allein zu opti-
schen Sensationen verführt, sie sind von einer
transparenten Helle und Farbigkeit, deren Jubeln,
deren Sprache um eine ganze Oktave gedämpft
wird von der Herbheit und Scheu eines Einsied-
lers, von dem Dunkel unausgesprochener Erleb-
nisse, mit dem alles rings um den Rahmen des
leuchtenden Bildes Übergossen zu sein scheint.

Aber was würde das alles besagen? Nicht
mehr vielleicht, als wenn man das Leben des
Künstlers beschreiben wollte. Dies Leben liegt
einfach genug da, kaum daß man in ihm die
nur zu Stunden zusammengepreßte Erfülltheit
wahrnehmen kann. Es ist von geringem Belang,
zu wissen, daß er 1875 in Bitterfeld geboren
wurde, aber für den Freund seiner Bilder viel-
leicht von einigem, daß er seine Jugend am
Schliersee erlebte, wohin er auch später oft
zurückging. In München vertauschte er die Uni-
versität mit der Akademie, und die „Jugend"
machte ihn der Öffentlichkeit bekannt. Exter
in Dachau wurde sein Lehrer, als einziger, der
ihm etwas zu schenken hatte. Es folgte die
übliche italienische Reise, aber er gehörte nicht
mehr der Generation an, der Italien zum großen

Erlebnis wurde, sondern einer Jugend, die
suchend umherirrte und noch nicht wußte, daß
ihr Gestaltungswille der verblaßten Tradition
nicht bedürfe, um sich auszudrücken. Wilhelm
Ullmer, der Freund seiner Wanderjahre in Italien,
später von einem herben Schicksal zerbrochen,
ging mit ihm nach Dresden. Und dann malte
er wieder am Schliersee. 1903 übernahm er in
Jena die Leitung einer Kunstschule, die ihn
nicht hielt und doch sein Leben untergrub.
Wieder fuhr er nach Italien. 1910 zwang er sich
zum zweitenmal, Lehrer einer Kunstschule in
Berlin zu sein, aber auch diese vermochte ihn
nicht zu halten. Ein unstetes Wanderleben führte
ihn nun mit seiner Gattin von Stadt zu Stadt,
eine innere Unrast trieb ihn umher, seine eigenen
inneren Lichtbilder in der Welt lichter Dinge
verwirklicht zu sehen, und etwas wie Erfüllung
schenkte ihm eine Reise nach Schweden, wo der
Zauber langer Tage die Tiefe und Bewegtheit,
die Musik seines Seins restlos ausklingenmachten.
igi7 starb er. —

Es ist die Landschaft, mit deren Bild der
werdende Künstler sich auseinandersetzt. Und
die Art, wie Kuithan das tut, ist kennzeichnend
für seine frühen Bilder. Luminaristische Im-
pressionen, der mit Unbestimmbarkeiten über-
ladene Aspekt der Ferne dienen dazu, das ein-
fache gegenständliche Sein der Landschaft, ihr
eigenes Klingen resonieren zu lassen. Das Land-
schaftsbild hebt weit vom Beschauer an, ver-
klingt grenzenlos in der Ferne und klingt
zusammen mit einem regenfeuchten, dunstigen,
von siegreicher Sonne vergoldeten Wolken-
himmel, weil in diesem Schaun und Überschaun
eine unsagbare Ruhe und vielleicht auch Schwer-
mut sich aussprechen will, die die Zudringlich-
keit der nahen Dinge abwehrt, um sich nicht
zerstreuen zu lassen. Der Wald und die Ferne
— von irgendeinem Gipfel aus gesehen, von
einem Maler erlebt, dessen Schaun nicht von
optischen Sensationen allein erfüllt ist.

Und auch viel später, als der reife Künstler
für dieses sein Schaun nicht bloß Eindrücke
verwertet, sondern in ihm bewußt den Ausdruck
und die Resonanz seines eigenen Selbst findet,
ist dieser Standpunkt des Türmers beibehalten.
Nun ist die Weite, von der Verschwommenheit
ihrer eigenen poetischen Stimmungsinhalte be-
freit, ganz dem Gestaltungswillen des Auges
unterworfen. Die Landschaft fließt in großen
rhythmischen Flächen, die ihren Sinn von dem

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