Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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DEUTSCHE MALEREI DER ROMANTIK

ZUR AUSSTELLUNG DES VERBANDES DER KUNSTFREUNDE
IN DEN LÄNDERN AM RHEIN. WIESBADEN 1922

Uber Gegenwärtiges zu sprechen hat nur Sinn,
wenn das Gegenwärtige in die Zukunft
Weisendes enthält. Darum darf man schweigen
über den gesamten Teil der Wiesbadener Aus-
stellung 1922, der Werke gegenwärtig schaffender
Maler und Bildhauer zeigt. Zu wenig Positives
im Sinne des Zukünftigen ließe sich sagen.

Über die Vergangenheit soll man nur sprechen,
wenn sie Beziehung zur Gegenwart zu gewin-
nen vermag. Darum ist manches zu bemerken
zu der Sonderabteilung: Deutsche Malerei der
Romantik — die Einrichtung dieser Abteilung
leitete der Kustos der Städtischen Kunstsamm-
lungen Düsseldorfs, Dr. Walter Cohen — die
allein, dafür aber auch in stärkstem Maße die
Ausstellung im Neuen Museum zu Wiesbaden
besuchenswert macht.

Natürlich ist heute eine Vollständigkeit im
Sinne der Jahrhundertausstellung nicht möglich.
Das Vorwort Karl Koetschaus weist auf die
unendlich vielen äußeren Schwierigkeiten hin,
die einer solchen Ausstellung wirklich klärender
Art entgegenstehen. So kann diese Ausstellung
nicht etwa dazu dienen, Forschungen in dem
immer noch nur vage umschriebenen Gebiet
der Romantik zu unternehmen, es besteht nicht
die Möglichkeit, an Hand einer lückenlosen Bei-
spielsreihe die verschiedenen Richtungen inner-
halb dieser überreichen Epoche zu verfolgen,
die Gegensätzlichkeiten unter gleichem Namen
verbundener Künstlerschaften zu erkennen, gar
die großen Individualitäten zu erfassen, — und
dennoch bleibt die Ausstellung von Wert. Dieser
Wert besteht nicht zum geringsten Teile darin,
daß dem Beschauer ein so ungemein erfreu-
liches Gesamtbild entgegentritt. Hier wird das
Genießen des Kunstwerks zur reinen mühelosen
Freude. Und diese Freudigkeit, die den Be-
sucher der Romantikersäle so leicht erfüllt, mag
ihn vielleicht dazu veranlassen, auch den um-
gekehrten Weg einzuschlagen, um vom frohen
Genuß zum wahren und tieferen Wert des
Kunstwerks vorzudringen. Das unmittelbar An-
sprechende dieser Romantikerschau kann Anlaß
werden zu einem Verstehen der Kunst über-
haupt, erscheine sie nun antik, mittelalterlich,
romantisch oder neuzeitlich.

Dann aber wird noch etwas, das nur allzu-
sehr wünschenswert ist, durch diese Ausstel-
lung gefördert: Dem, der wirklich sehend die

Bilder betrachtet, wird selbst aus dem nur höchst
allgemeinen Überblick über die bildende Kunst
der Romantik eine Blickklärung werden, eine
Klärung des Wesens und des Begriffs der Ro-
mantik. Und die ist dringend vonnöten, da heute
eine Vergewaltigung ihres Wesens durch falsche
Begriffe allgemein ist. Denn was gegenwärtig

— und gerade weil die „Richtung wieder modern
wird" — unter der wahrhaft chamäleonfarbigen
Flagge der Romantik dahersegeln zu lassen den
unersprießlich vielen Unberufenen und Unge-
rufenen beliebt, sind meist Frachtkähne mit
höchst verdächtig und muchlig riechendem
Mischgut. Durchaus verbreitet ist die Meinung,
daß Romantik und Sentimentalität synonym
seien. In Wahrheit ist aber gerade die Sen-
timentalität das Ende der Romantik gewesen
und bedeutet nur die mangelhafte Form, in
der eine minder groß empfindenkönnende Zeit
sich jene anmaßte. Sentimentalität entsteht
immer aus der falschen Pluralsetzung: wenn
aus dem großen und unteilbaren einen Gefühl
des Erlebens die vielfachen Gefühle des Nur-,
Mit- und Nacherlebens eigentlich zum Fühlen
Unbefähigter gemacht werden, speziell zum
Salongebrauch. Mit dieser Menge kleiner und
gefälschter Gefühle, mit dieser Sentimentalität
hat die Romantik, wenigstens in ihrer Blütezeit,
nichts zu tun. Ihre Künstler besitzen in unend-
lich starkem Maße die Fähigkeit großartigen
Erlebens, mag dieses sich nun in die Ver-
gangenheit richten, — woraus die Romantik
der Retroperspektive entsteht, vor allem durch
die Nazarener vertreten, — oder das seelische
Moment in der Gegenwart zu erfassen suchen

— Romantik der Psyche, wie sie sich ebensogut
im Schildern der Landschaft (Fohr, C. D.Fried-
rich, Carus usw.) wie der Person (Runge,
Kersting u. a.) zu offenbaren vermag. Das Ver-
blassen dieses einheitlichen Gefühls des Erleb-
nisses und seine Aufteilung in die Einzelgefühle
persönlich-familiärer Anteilnahme am mensch-
lichen (bürgerlichen) Dasein, an der Natur nur
als Garten für den häuslichen Bedarf (der späte
Richter, ältere Schwind, Spitzweg) — womit
gegen die Qualität eines Werkes der Bieder-
meierzeit nicht das geringste gesagt ist —, oder
das Erstarren des ursprünglichen Gefühls zu
einem Schema von Manieren (die zu Akademie-
professoren ergrauten Nazarener), — dies be-

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