Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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KARL STERRER

BEFREIUNG

DIE AUSSTELLUNGEN DER SECESSION
UND DER BRÜCKE IN BERLIN

Dem, der sich über das Berliner Kunstschaffen
orientieren will, wird dies durch die bis zur
Unübersichtlichkeit gewordene Dezentralisation
außerordentlich schwer gemacht. Die vielen
Vereinigungen, unzählige Kunsthandlungen und
Ausstellungslokale breiten schon rein quantitativ
ein so ungeheures Material vor den Beschauer, daß
er nur mit der größten Anstrengung sich ein
möglichst objektives Bild von der künstlerischen
Produktion machen kann. Ist es ja bereits so weit
gekommen, daß man manchmal drei verschiedene
Ausstellungsräume aufsuchen muß, um die letzten
Werke desselben Künstlers kennenzulernen. Sicher
hat die große Zahl der Ausstellungen auch ihre
guten Seiten : es hat den Anschein, als brauchte
man heute nicht mehr zu befürchten, daß Talente
wegen Unbekanntheit undUnverständnis zugrunde
gehen könnten. Man erhält den Eindruck, daß
alles, auch das in den verborgensten und ärmsten
Malerateliers Geschaffene, hervorgezogen wird.
Das heutige Publikum hat ja eine aufrichtige
Furcht vor der Möglichkeit, daß es seine zeit-
genössischen Künstler verkennt und neigt dem-
zufolge leicht zu einer Überschätzung von ganz
ephemeren Künstlererscheinungen. Aber es bleibt

dabei immer noch die Möglichkeit, daß sehr be-
deutende Künstler, die ihrer ganzen psychischen
Veranlagung nach ein Heraustreten und einen
Kampf um äußere Anerkennung scheuen, wie
auch in früheren Zeiten, erst nach ihrem Tode
aufgespürt und richtig gewertet werden. Von
solchen möglichen Ausnahmen abgesehen, läßt sich
der gute Durchschnitt in Ausstellungen, wie sie
jetzt die Secession und die Brücke bieten, doch
kennen lernen, da in ihnen von einer größeren
Anzahl bekannterer Künstler die besten Werke
ihrer letzten Produktionszeit gezeigt werden.

Bei den Ausstellungen der Secession hat man
nie den Eindruck, daß die dort ausstellenden
Künstler große, innere, künstlerische Wandlungen
durchmachen; vielmehr handelt es sich bei den
meisten um eine beständige, ziemlich eintönige
Produktion. Eine Ausnahme, aber eine Ausnahme
von ausgezeichneter Qualität, bietet unter dieser
etwas grauen Gefolgschaft der Präsident der
Secession, Lovis Corinth. Es gibt wohl kaum einen
deutschen Künstler, der in den letzten Jahren
eine so überraschende und künstlerisch so wichtige
Entwicklung genommen hätte wie dieser 65 jährige.
Von jenen Werken aus, welche er bis vor einigen

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