Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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Vielleicht offenbaren sich die tiefsten Zu-
sammenhänge der beiden Märchendichter aber
doch in den drei von Schwind bildnerisch
ausgedeuteten Märchen Mörikes, in der „Ge-
schichte von der schönen Lau", in dem Mär-
chen vom „Bauern un(3 seinem Sohn" und in
der Erzählung „Lucie Gelmeroth". Hier sprudelt
der Schwindsche Bilderquell am reichsten,
vielseitigsten und unmittelbarsten aus der köst-
lichen und edlen Marmorfassung Mörikes und
ergänzt, ja erweitert seine Dichtung durch die
klassisch schönen Bildgestaltungen. Eggert-
Windegg hat zu den Wurzeln künstlerischer
Arbeit geführt, indem er überall die Original-
zeichnungen — nicht etwa die Kupferstiche —
wiedergibt und so den feinsten und zartesten
Ausdruck Schwindscher Künstlerschaft ver-
mittelt. Fünf Blätter werden zum überhaupt
ersten Mal veröffentlicht.

In den Blei- und Federzeichnungen zum
„Bauern und sein Sohn" spielt Schwinds Hand
am frohmutigsten mit dem fröhlich-innigen
Stoff, indem er das Märchenroß ebenso mensch-
lich werden läßt, wie den Engel und Bauern-

buben, Beweis genug, daß Schwind seine
Märchen alle wirklich erlebte. — Auch daß
aus der tragischen „Lucie Gelmeroth" gerade
die Märchenszene der Kinder als orientalische
Schauspieler zum Bild gestaltet wird, zeigt die
tiefe Verwurzelung Schwinds in der Märchen-
welt.

Eggert-Windeggs feine Einfühlung in die
Mörikesche Welt und die sorgfältige Heraus-
arbeitung des hiezu gehörigen Schwindschen
Gestaltenkreises hat der deutschen Kunst neue
Zyklen Schwindscher Kunst sozusagen wieder-
entdeckt. Diese Arbeit, im rechten Sinn be-
griffen, kann als eine wertvolle Leistung am
Wiederaufbau deutschen Kunst- und Seelen-
lebens angesehen werden. Sie wird es in stiller
und nachdrücklicher Weise auch sein, wenn
die Freunde edler Dichtkunst, inniger Bild-
kunst und hoher, seelischer Kultur sich mit
diesem im deutschen Kunstwesen einzig da-
stehenden Zeugnis zweier genialer Dichter-
und Künstlernaturen in der schönen Zusammen-
fassung Eggert-Windeggs bekannt und ver-
traut machen. j. A. B.

DER PLAN EINER AUSSTELLUNG BESTER WERKE DEUTSCHER KUNST

AUS SECHS JAHRHUNDERTEN

Meier-Graefe ruft in einer Schrift der Marees-
Gesellschaft die deutschen Kultusministerien
und Museumsdirektoren zu einer „Ausstellung der
besten Werke deutscher Malerei, Plastik und
Zeichenkunst" auf. Diese Schrift, die den gleichen
Gedanken, der von ihm schon im neuesten Hefte
des „Ganymed" behandelt wurde, näher und um-
ständlich begründet, hat die Überschrift: „Der
Beitrag Deutschlands zur Kunst Europas. Eine
Ausstellung." Nach ihr soll es sich um eine „An-
gelegenheit des ganzen Volkes", dessen „Ansehen
in der Welt" durch sie vervielfacht werden könne,
nicht etwa um eine Sensation handeln. Es solle
eine „Ausstellung des deutschen Genius in der
Kunst" werden, der Juror wäre kein Nationalis-
mus, keine Richtung, kein Sammlergeschmack
dieser oder jener Kategorie, sondern Europa. Der
Staat müsse die Kosten für diese „Kulturpropa-
ganda" hergeben, alle entgegenstehenden Schwie-
rigkeiten hinsichtlich des Risikos des Transpor-
tes usw. seien, wenn man ernstlich wolle, zu be-
heben. In erster Linie käme als Ort München, dann
Berlin in Frage; die Räume der Alten Pinakothek
hier, der Akademie dort, seien geeignet, die Lei-
tung bedürfe „weniger Köpfe und vieler Hände".
Die Wahl der Werke könne nur autokratisch voll-
zogen werden, zwei, drei Persönlichkeiten, die sich
mit geeigneten Mitarbeitern umgeben, hätten die
künstlerische Verantwortung zu tragen. 50 Bilder,
50 Plastiken und 60 Zeichnungen und graphische
Blätter müßten genügen usw. „Kaum würde ein
ausländischer Besucher noch einmal das Wort von
den Barbaren in den Mund nehmen."

Uns scheinen ganz erhebliche Bedenken der
Verwirklichung dieses Planes entgegenzustehen.
Der gewählte Zeitpunkt zu einer solchen Aus-

stellung, die an sich gewiß, wenn richtig geleitet,
Wundervolles bringen könnte, erscheint uns als
der denkbar ungünstigste. Es will uns bedünken,
als hätten wir Deutsche im eigenen Hause zu-
nächst einmal ganz andere, weit wichtigere An-
gelegenheiten, die unsere Existenz undunsere ganze
Zukunft angehen, zu regeln. Es wäre an der Zeit,
statt unaufhörlich neue Projekte auszubrüten, statt
ewiger Reden und Theoretisiererei, endlich einmal
in aller Stille an sehr wichtige Arbeiten zu gehen,
ernst und still zu arbeiten, ohne nach dem Bei-
fall der Welt oder Dritter zu fragen.

Und Europa soll der Juror sein? Jetzt, gerade
jetzt, wo wir handgreiflich genug es erlebt haben
und erleben, wie solch ein europäisches Schieds-
gericht ausfällt. Europa vermögen nur Handlun-
gen und Tatsachen, keine noch so klug gewählte
Ausstellung deutscher Kunst zu überzeugen. Man
hat uns ja in onkelhafter Güte auf unseren „Geist",
auf unsere „Klänge und Bilder" verwiesen, uns
unser „Gemüt" großmütig gelassen, aber den Weg
zur Freiheit und zum Leben vollständig versperrt.
Für dieses Europa, das uns so bewertet, bleiben
wir Barbaren trotz aller Kunstausstellungen, und
zögen wir mit ihnen durch die ganze Welt.

Wir glauben auch nicht, daß es ratsam wäre,
unsere herrliche Sammlung der Alten Pinakothek
auseinanderzureißen und würden es verstehen,
wenn sich die „Stirnen unserer Museumsleiter",
wie Meier-Graefe meint, „besorgt verfinsterten".
Wenn aber ja, wer sollte die entscheidende Hand
haben? Nur Berlin oder doch vorwiegend Ber-
lin? Was würde dann von der Kunst des 19.
und 20. Jahrhunderts ausgewählt? Wer wäre der
über den Parteien stehende Sachverständige? Der
Aufrufer? — n.

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