Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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ADOLF HENGELER

GROTESKE

PHANTASIEN VON ADOLF HENGELER*)

Man möchte meinen, die Zeit der deutschen
Buchkäufer sei vorüber und das letzte
Exemplar dieser Gattung werde bald in irgend-
einer Raritätenbude gezeigt, wenn nur die,Schlüs-
selzahl" einmal hoch genug ist. Etwa: ,|ti:i!
Und doch es geht weiter! Jetzt gibt der Mün-
chener Musarion-Verlag in einer abgestuften,
aber auch in ihrer schlichtesten Gestalt noch
prachtvollen Ausstattung einen mächtigen Folio-
band mit weit über 100 Arbeiten Adolf Henge-
lers heraus, der zu den merkwürdigsten Er-
scheinungen in unserer wirren Kulturepoche, wie
in der klaren Kunstentwicklung dieses Malers
gehört. Ein Buch, das, von Georg Jakob Wolfs
verständnisvoller Einleitung abgesehen, nur
Bilder, nicht einmal Seitennummern und Titel
enthält, das fast durchweg rein gegenständlich
und doch nicht anekdotisch ist, dabei getränkt
von saftig-humorvoller Phantasie und künst-
lerisch absolut neu in seinen Ausdrucksmitteln
und impression —nein, überhaupt nicht „istisch"!

Adolf Hengeler und damit Schluß ! Und dieses
Buch ist unterhaltlich und lustig, wie kaum
eines! Noch dazu in nicht dagewesener und

') Phantasien von Adolf Hengeler. Zum 60. Geburtstag
Adolf Hengelers herausgegeben von Max Sander. Numerierte
Ausgabe in 500 Exemplaren. München, Musarion-Verlag.

kaum zu beschreibender Art! Der hochent-
wickelte künstlerische Stil — „malerische Gra-
phik" — nennt ihn G. J. Wolf — ruht auf einer
schrankenlosen Erfindungsgabe, die keine Spe-
zialitäten kennt, bald naturwahr ist und einen
gesteigerten Eindruck spielend leicht und doch
wuchtig mit wenigen Strichen gibt, bald das
Bizarrste bis zum Gespenstischen sich ausdenkt,
zeit- und raumlos und dann doch wieder nur
die aus hundert Bildern wohlbekannte Art
Hengelers, die zurückreicht bis auf seine un-
gezählten Federzeichnungen für die „Fliegenden
Blätter" und ihre saftige und harmlose Mün-
chener Romantik widerspiegelt. Das äußerlich
Typische dieser Blätter entstand aus Hengelers
Buntstiftzeichnungen; diese Technik hat er vor
langer Zeit für sich selber und sich allein ge-
schaffen, um, war er müde vom Malen, mit
wenigen Strichen und noch weniger Farben
leicht und schnell Entwürfe von unglaublicher
Mannigfaltigkeit und Drastik hinzuwerfen. Ein
Schaffen, das ihm Selbstzweck und reiner Genuß
war, zunächst ganz ohne Gedanken an „Die
Vielen", entstanden! Stöße von solchen Blät-
tern lagen da, ehe Hengeler im Weltkrieg jene
prachtvollen Hefte herausgab, die den Überfall
unserer Feinde auf Deutschlands Volk und Gut

Die Kunst für Alle. XXXVIII. September 1953

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