Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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KURT EDZARD

BÜSTE DER GATTIN DES KÜNST-
LERS (BREMEN, KUNSTHALLE)

KURT EDZARD

Die moderne europäische Plastik hat länger
als ihre Schwesterkünste ein traditionelles
Formgefühl bewahrt, das von der Umwälzung
der gesellschaftlichen Daseinsgrundlagen, der
Veränderung des Weltbildes und der Seelenlage
unberührt geblieben war, bis in den letzten
Jahrzehnten auch hier der Umschwung ein-
setzte. Für den Charakter und den äußeren
Verlauf der modernen Gesamtentwicklung wird
es bezeichnend bleiben, daß die zentralen Form-
erlebnisse — wie in keinem früheren Zeitalter
durch die Nähe geistesgeschichtlicher Bewe-
gungen bestimmt und durch einen geschärften
Sinn für den Zusammenhang der konkreten
Einzelformung mit allgemeinen Tendenzen und
Dispositionen gekennzeichnet — nicht zuerst
in derjenigen Kunst zum Durchbruch gekom-
men sind, der die ursprünglichsten und viel-
seitigsten Beziehungen zum Körperhaften eigen
sind. Der Hinweis auf klimatische, wirtschaft-

liche und soziale Bedingungen gibt für das
langdauernde Zurücktreten der Plastik in der
Entwicklung des Formsinnes keine zureichende
Erklärung. Vielleicht führt ein anderer Gesichts-
punkt näher an das Verständnis dieser Tat-
sache heran: Bei der Plastik liegt das Niveau
der geistigen und sinnlichen Konzentration,
dessen Erreichung die künstlerische Erheblich-
keit eintreten läßt, höher als in den anderen
Künsten; daher ist der Stand der plastischen
Kunst ein zeitgeschichtliches Sympton der
Fähigkeit zu geistiger Sammlung oder des
Mangels dieser Kraft.

Wer für unsere Zeit den Anzeichen und
Auswirkungen künstlerischer Konzentration
nachgeht, wird unter den Plastikern, die mit
ihrem Werk das Anwachsen dieser Kraft be-
zeugen, den jungen Bildhauer Kurt Edzard
nicht mehr übersehen dürfen. Der Grundzug
seines Schaffens, zum mindesten seines Strebens

Die Kunst für Alle. XXXVIII.

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