Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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OTTO DILL

ANGREIFENDE LÖWEN (ZEICHNUNG)

OTTO DILL

Aus dem nicht kleinen Kreise der Künstler der
l Zügelschule hebt sich die Persönlichkeit
Otto Dills scharf heraus durch die eigenartige
Weiterbildung, in der er die Anregungen seines
Lehrers weiterverarbeitete. Im Mittelpunkte von
Zügels Interesse steht, trotz aller deutlich wahr-
nehmbaren Entwicklung in seinem Schaffen,
das Tier in der beschaulichen Ruhe, da sich
an diesem die Probleme von Luft und Licht
am besten studieren lassen; dementsprechend
sind seine Modelle aus der Reihe der phleg-
matischsten, indolenten Tiere gewählt, der Schafe
und Rinder. Für Dill aber ist das Wichtigste
die Bewegung; sein Lieblingstier, das diesen
seinen Intentionen am - besten entspricht, ist
das Raubtier aus der Klasse der großen Katzen,
Löwen und Tiger. Ihnen merkt man selbst in
der Ruhe das immerwährende Auf-der-Lauer-
Liegen, das Angespannte jeden Nervs und Mus-
kels im Kampfe ums Dasein an. Der mächtig
ausschreitende Gang der Löwen, das katzen-
hafte Dahinschleichen des Tigers findet in Dills
Bildern eine beredte und charakteristische Inter-
pretation. Nicht selten findet der Bildinhalt

eine monumentale Gestaltung, so, wenn sich
die mächtigen Silhouetten eines Löwenpaares
gegen die silbrige Luft abheben.

Zu den besten Bildern des Künstlers zählen
wohl jene Darstellungen der höchsten Steige-
rung der Bewegung, des Kampfes, wenn das
gehetzte Raubtier und Roß und Reiter in einem
einzigen, wilden Knäuel sich wälzen, ein Bild
aufregendsten, packendsten Lebens, dramati-
scher Hochspannung. Zu diesen Bildern führt
von Rubens' Tierkämpfen über Delacroix eine
direkte Linie ; leidenschaftliches, ungehemmtes
Pathos ist ihnen allen eigen. Dem drama-
tischen Vorwurf korrespondiert die farbige
Behandlung. Der kühnen, großen Geste der
Kampfbilder entspricht durchaus die Wucht
und Energie der Pinselführung, der atemlosen
Spannung, die gleich Fanfarenstößen schwin-
genden, im Bilde aufleuchtenden Farbmassen,
die in breiten, großen Flächen die Leinwand
rhythmisch gliedern. Nur weniger, stark nuan-
cierter Töne bedarf Dills Palette zu solcher
Leistung. Etwas Dumpfes, Drohendes liegt über
der Koloristik in jenen Gemälden, die das

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