Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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FRITZ STROBENTZ

Glaspalast München. Seccssioti

BAUERNMÄDCHEN

KUNSTLITERATUR

Schwarze Fahnen. Ein Künstlertotentanz
von Arthur Roeßler. Verlag Carl Konegen (Ernst
Stülpnagel), Wien-Leipzig.

Ein Kunstschriftsteller von Herz ist in einer
Zeit, da sich intellektueller Hochmut an Kälte und
Schärfe gar nicht genugtun mag, beinahe schon
eine Seltenheit geworden. Der Österreicher Arthur
Roeßler, durch manches schöne Buch rühmlich
bekannt, verdient diesen Ehrentitel vollauf. Mit
Liebe zur Kunst, mit Liebe zu den Künstlern ist
jeder der 60 Aufsätze geschrieben, die das warm-
herzliche, wertvolle Buch des ausgezeichneten
Mannes zusammensetzen und das hiermit den
Freunden der Kunst empfohlen sei. Fast durchweg
sind es — daher der vorerst befremdliche Titel —
Nekrologe. Angesichts des Todes wurden die Wür-
digungen der hier besprochenen Künstler abge-
faßt, und es erweist sich, daß diese Einstellung
die einzig fruchtbare für den Kritiker ist. Auch

den noch lebenden Künstler muß man von dieser
Perspektive aus betrachten: möchten das die vor-
schnellen, einseitigen, parteiischen Rezensenten
von Roeßlers Buch lernen! Von diesem letzten
festen Punkt aus wird ja Überblickung erst mög-
lich, die Gesamterscheinung, die Lebens- und
Kunsttotalität erst erkennbar. Dies erfaßt zu haben
allein, ist ein großes, nicht nur ästhetisches, auch
ethisches Verdienst, zu dessen menschlichem ein
starker kunstkennerischer und bedeutender schrift-
stellerischer Wert hinzutritt. Der Leser dieses
Buches braucht eines nicht zu fürchten, wovor er
freilich bei fast keinem der modernen Kunstschrift-
steller geschützt ist: Ungerechtigkeit. Alle Ent-
wicklungen, Richtungen, Strebungen, sofern sie
nur wahr aus der Natur, aus dem Wesen fließen,
gelten Arthur Roeßler gleich hoch. Partei ergreift
er nicht: er weiß, daß die Kunst nichts anderes
ist als „in gesetzmäßigen Formen vollzogener
Gefühlsausdruck". Er weiß, daß die Kunst nur
auf eine Weise wirken kann: indem sie, wie es

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