Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 38.1922-1923

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JULIUS HESS

FELSEN AM WASSER

GEDANKEN UBER KUNST

Die eigentümliche Erscheinung, daß der
Mensch in der Kunst die Erscheinungen der
Natur nachbildend wiederholte, mußte, sobald
ein bewußtes Nachdenken eintrat, sehr bald
die Frage hervorrufen, in welchem Verhältnis
die Kunst zur Natur stehe. Und in der Tat
ist dies die Kardinalfrage, die eben so häufig,
wie verschieden beantwortet worden ist und
zwar seit Plato bis heute. Und schon in den
Anschauungen des Plato und Aristoteles tritt
jener Widerstreit zutage, der bis heute unge-
löst fortdauert. Steht die Kunst unter der
Natur oder steht vielmehr die Natur unter der
Kunst, ist die Kunst nur ein trügerisches Schein-
bild der Natur oder ist sie vielmehr das ge-
reinigte Idealbild der Wirklichkeit, selbst die
eigentliche höhere Wirklichkeit, darum dreht
sich der Streit seit Jahrtausenden. Auch ist
'dieser Streit nicht anders zu lösen, als dadurch,
daß man zu der Erkenntnis gelangt, daß die
Kunst eben keines von beiden ist und daß man
eine richtige Antwort nicht erlangen konnte,

weil die Fragestellung eine falsche war. Das
ganze Gebiet dieser Forschungen erhält sofort
eine total veränderte Gestalt, sobald man von
dem Gesichtspunkte ausgeht, daß die Kunst
nichts anderes sei, als eine Sprache, mittelst
deren gewisse Dinge in die Sphäre des mensch-
lich erkennenden Bewußtseins gebracht werden.

Betrachtet man als Ziel der Kunst die Er-
kenntnis einer gewissen Kategorie von Dingen,
so muß man auch ihre Wirkungen mit denen
der Erkenntnis überhaupt gleichstellen. Alle
Wirkungen der Kunst als solcher dürfen nur
aus der Erkenntnis abgeleitet werden; denn
wenn z. B. ein Werk der bildenden Kunst eine
ästhetische Wirkung hat, so hat es diese nicht
als Kunstwerk; denn dieselbe ästhetische Wir-
kung kann ebenso gut von einem Naturprodukt
ausgehen. Ebenso ein Musikstück oder ein Er-
zeugnis der Poesie, indem es eine unmittelbare
Wirkung auf die Empfindung des Hörers äußert,
wirkt so nicht als Kunstwerk ausschließlich,
da seine eigentlich künstlerische Wirkung eine
ganz andere ist.

Konrad Fiedler

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