Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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FERDINAND VON RAYSKI
DAS BILDNIS DES HERRN BENECKE VON GRÖDITZ BERG

VON

GUSTAV PAULI

Das lebensgroße Bildnis des Herrn Benecke
von Gröditzberg gehört unzweifelhaft nicht
nur zu den besten Bildern der Hambarger Kunst-
halle, sondern in seiner Art auch zu den besten
deutschen Bildnissen des neunzehnten Jahrhunderts.
In seiner Art! Das heißt, es hat bei allen Vor-
zügen eines sehr gut gemalten, sehr geschmack-
vollen und sehr lebendigen Bildnisses noch den
besonderen Vorzug einer vollkommen weltmän-
nischen Haltung. Und diese Art ist eben in Deutsch-
land selten, wo die Bildnisse entweder künstlerisch
wertvoll, oder vornehm repräsentativ, oder keins
von beiden zu sein pflegen. Vielleicht ist Rayski
der einzige Bildnismaler unter uns gewesen, der
— wenigstens im neunzehnten Jahrhundert — die
unverträglichen Vorzüge leicht und natürlich zu
verbinden wußte.

Ein solches Bildnis bedeutete für seinen Meister
die Anwartschaft auf eine glänzende Existenz, auf
Reichtum, Ehren und fürstliche Protektion — zu-
mal, wenn der Meister dem Glücke mit einem
adligen Namen entgegenkam. Geringere Talente
als Rayski haben als Bildnismaler der großen Welt
alles dieses geerntet. Warum er selber nicht? —
Weil er wirklich war, was jene anderen nur zu
sein vorgaben: vornehm. Rayski war ein kunst-
begabter Kavalier der guten alten Zeit. (,Jede Zeit,
wenn alt, wird gut", bemerkt Byron einmal. Und
unsere gute alte Zeit währt bis etwa um die Mitte
des neunzehnten Jahrhunderts.) Rayski war ein
Kavalier, das heißt, er war gesonnen, sein Leben
mit einer gewissen Lässigkeit auf seine Art zu
führen, er malte, wie und so lange es ihm gefiel,
war keineswegs träge, aber noch weniger geschäfts-
tüchtig; im übrigen liebte er die Jagd und schöne
Pferde und war auf den Rittergütern Sachsens
und sonst in manchem vornehmen Hause Deutsch-
lands ein gern gesehener Gast. Gewiß verlangte
er keine großen Honorare, dachte nicht daran, die
Presse in Bewegung zu setzen, auf Ausstellungen
zu glänzen und am Hofe oder bei Berühmtheiten
werbekräftige Aufträge zu ergattern. Und da er

sich so wenig um sich selber bemühte, so kamen
seine distingierten Freunde auch nicht auf den
Einfall, es damit anders zu halten. Immerhin läßt
sich in jüngeren Jahren auf solche Weise eine
Weile recht angenehm leben. Allein das Unglück
wollte es, daß Rayski sich einer sehr gesunden
Konstitution erfreute, folglich bei mäßigem Leben
ein hohes Alter erreichte. So kam es, daß seine
Freunde und Gönner allmählich um ihn weg-
starben; bei zunehmenden Jahren erwirbt man
schwerlich neue hinzu. Das jüngere Geschlecht
der Maler, das neben ihm heranwuchs, diente
Idealen, die von den seinen sich immer weiter
entfernten. Er fühlte sich vereinsamt und ver-
kannt, da er sich doch seines Wertes recht wohl
bewußt war (natürlich! — Wer wäre es nicht?).
Schließlich gab er das Malen so gut wie gänzlich
auf. Als er vierundachtzigjährig in einer beschei-
denen Wohnung oben im vierten Stock eines
Hauses an der Bürgerwiese in Dresden 1890 starb,
wußten nur wenige, daß er ein Künstler ge-
wesen war.

Freilich war er nie so wie die anderen ein zünf-
tiger Maler gewesen, allein er war der ehrliche
Repräsentant seines Standes und seiner Zeit, einer,
der sich treu blieb — ein Charakter. Und ver-
gessen wir es nie: Genie ist Charakter. In dem
Charakter Rayskis waren die Grenzen seiner ganz
unproblematischen Kunst begründet, aber auch ihr
Wert.

Wenn man sagt, daß ein Mensch das Kind
seiner Zeit sei, so ist ergänzend zu verstehen, daß
„seine Zeit" die Jahrzehnte seiner Entwicklung be-
deute. Die Welt nimmt, wenigstens für den
Europäer, etwa alle drei Jahrzehnte ein neues
Gesicht an, und nur wenige Zeitgenossen sind so
wandlungsfähig wie die Zeit selber.

Rayski wurde am 23. Oktober 1806 zu Pegau
in Sachsen geboren als der Sohn eines Ritt-
meisters, der eben damals im Felde stand. Es
war kurz nach der Schlacht bei Jena. Der Vater,
einige Jahre später zum Obersten und königlichen

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