Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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UBER DIE NIEDERLANDISCHE TAPISSERIE*

VON

MAX J. FRIEDLÄNDER

Die Umwälzung der politischen Zustände mit
ihren Nachstößen läßt den Kunstbesitz nicht
unbehelligt. Vieles entschwindet aus unserem
Gesichtskreis, einiges taucht empor. In Wien sind,
aus dem Schatze der Habsburger, Tapisserien
sichtbar geworden, die seit Jahrhunderten in höfi-
scher Abgeschiedenheit geborgen und verborgen
waren — zumeist niederländische Gewebe aus dem
sechzehnten Jahrhundert. Man hat eine Ausstellung
eingerichtet und einen guten Teil des gewaltigen
Bestandes zugänglich gemacht. Nur das Schloß
in Madrid besitzt nach Quantität und Qualität
mehr.

In Frankreich blühte die Bildweberei im vier-
zehnten Jahrhundert auf und hier endete sie im
achtzehnten. Zwischen diesem Anfang und diesem
Ende waren die Burgunderfürsten und die habsburgi-
schen Kaiser, die das burgundische Erbe angetreten
hatten, freigebige Gönner, leidenschaftliche und
eifersüchtige Sammler. Der autokratische Luxus,

* Die Vorlagen für die Abbildungen verdanken wir Herrn
Dr. Baldass, der eine Publikation der Wiener Ausstellung
vorbereitet.

der sich von dem groben und nackten Leben ab-
schloß, stellte Ansprüche an Inhalt und Form
dieser Kunstgattung. Wie der Fürst repräsentierend
seinen Leib in Seide kleidete und mit Schmuck-
werk ausstattete, so behing er, Macht symbolisie-
rend, seine Behausung mit kostbaren Geweben.

Ursprünglich Zeltwand, später ein Behang, der
kahle Räume in Prunkgemächer umzauberte, war
das gewebte Bild in anderem Sinn Eigentum als
minder mobiler Kunstbesitz. Der Herrscher kehrte
ein, hieß die Wände schmücken; er zog weiter
und nahm die festtägliche Scheinwelt mit sich fort.

Das Gewerk stand in den Niederlanden zwischen
1450 und 1550 in der höchsten Blüte. Die Bild-
weberei ist die Monumentalkunst eines Volkes, das,
nach allen sonstigen Anzeichen, zum Monumen-
talen nicht begabt war. Die niederländische Tafel-
malerei wurzelt in der Buchminiatur und ist fast
durchweg desto vollkommener, je kleiner im Maß-
stab. In der Webekunst aber werden weite Flächen
scheinbar mühelos bedeckt. Mit ihrer Stilgesetz-
lichkeit scheint diese Technik den Zeichnern Halt
und Stütze zu gewähren.

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