Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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FR. GUARDI, LANDSCHAFTSZEICHNUNG

HAMBURG, KUNSTHALLE

BILANZVERSCHLEIERUNG

VON

KARL SCHEFFLER

Wilhelm Worringer hat in der Münchner Orts-
gruppe der deutschen Goethegesellschaft
einen Vortrag über „Künstlerische Zeitfragen" ge-
halten und die Rede drucken lassen (im Verlag
Hugo Bruckmann, München). Seine Äußerungen
sind in mancherlei Beziehung beachtenswert. Das
Büchlein ist genußreich zu lesen für alle, die eine
geistvolle Gedankenfolge, eine elegante Suade zu
schätzen wissen. Sodann steht der Vortrag, neben
ähnlichen Äußerungen anderer Redner und Schrift-
steller, symptomatisch da für eine in Expressionisten-
kreisen weit verbreitete Stimmung, denn Worringer
wird in diesen Kreisen als der vornehmste Wort-
führer betrachtet, und hat das Bewußtsein dieses
Mandats. Vor allem aber ist der Vortrag wichtig,
weil darin eine Bilanz gezogen wird, weil ein ernster

und kluger Mann sich und andern Rechenschaft
gibt und der Zeit das Horoskop stellt. Alles dieses
erregte den Wunsch, sich mit Worringers Äuße-
rungen auseinanderzusetzen.

Bevor es getan werden kann, ist es nötig den
Inhalt des Vortrags zu resümieren. Es soll so
kurz und präzise wie möglich und zum Teil mit
den eigenen Worten des Redners geschehen.

Worringer stellt eine Krise, ja das Ende des
Expressionismus fest, des Expressionismus in wei-
testem Sinne, als der Ausdruck unserer ganzen
geistigen Existenz, so daß er nur im Gleichnis
spricht, wenn er von der bildenden Kunst allein
redet. Indem er aber vom Bankrott des Expressio-

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