Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

Page: 31
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1924/0045
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
Primitiven und auf einen ins Naive gestellten Dürer, die
Würdigung Grünewalds beginnt aber erst viel später.

Semilasso hat das Gemälde des Meister Matthias um 1834
noch in Aschaffenburg gesehen, wohin es (nebst den nicht
von Gr. stammenden Seitentafeln) aus der Collegialkirche
in Halle im sechzehnten Jahrhundert gekommen war. Seit
1836 befindet es sich in München. W. Friedlaender.

„Aschaffenburg, in angenehmer Gegend, mit einem
schönen Schloß, hätte einen längeren Aufenthalt verdient,
wenn die Zeit dem Reisenden weniger sparsam zugeteilt
gewesen wäre. Er konnte daher nur flüchtig .... die nicht
unbedeutende Gemäldegalerie durcheilen, bis er staunend
vor einem altdeutschen großen Bilde stehen blieb, das ihm
alle in der Boissereschen Sammlung zu übertreffen schien.
Die Figuren der Haupttafel, welche fast über Lebensgröße
sind, stellen eine Zusammenkunft des heiligen Erasmus mit
dem heiligen Mauritius, einem Negerfürsten in prachtvollem
Harnisch, nebst ihrem beiderseitigen Gefolge dar; die Seiten-
tafeln, welche doppelt bemalt waren und durchsägt worden
sind, zeigen vier einzelne männliche und weibliche Personen
der Kirchengeschichte. Da Semilasso in dieser nicht sehr
bewandert ist, so wußte er nicht, wen sie vorstellen, auch
nicht die Geschichte der Zusammenkunft, und ob damals
Mauritius schon ein Heiliger war, oder erst von seinem
Coheiligen bei dieser Gelegenheit bekehrt wurde; aber das
hinderte die Bewunderung dessen nicht, was er zu verstehen
imstande war. Nie war ihm vielleicht der Standpunkt deut-
scher Malerkunst so hoch erschienen. Sie kam ihm, mit
der italienischen verglichen, gerade so vor, wie sich die

deutsche Baukunst zur griechischen, das Straßburger Münster
zum Beispiel zur Akropolis verhält. Man kann eins oder
das andere vorziehen, aber beides hat in seiner Art eine
geniale Vollendung erreicht, ohne sich doch im geringsten
zu gleichen. Auch darf man glauben, daß, wenn es der
Malerkunst beschieden ist, noch einmal eine große Periode
zu erleben (was jedoch aus vielen Gründen unwahrschein-
lich), sie in Deutschland ihre größten Triumphe feiern wird,
denn unser Nationalcharakter scheint ganz besonders für sie
geeignet.

Was die vorliegenden Bilder betrifft, so kann man keck
sagen, daß nie etwas besser gemalt worden ist, aber sie
sind auch frei von jenen häufigen Zeichnungsfehlern, jenen
magern, ungraziösen Formen, jener Monotonie der Figuren,
welche so oft als Mängel auf altdeutschen Gemälden er-
scheinen. Hier ist im Gegenteil nur die kunstreichste Ver-
schmelzung treuer Naturwahrheit mit idealer Auffassung und
dem größten Reichtum an Individualität der Gestalten zu
bewundern, alles umstrahlt von einer Floheit und Würde,
in einen solchen Glanz und Frische der Farben gehüllt,
daß man voll Ehrerbietung und Freude dem Genie huldigt,
das so Herrliches hervorgebracht! Und doch hörte Semi-
lasso den Namen dieses Meisters zum erstenmal, oder er
war ihm früher entgangen. Der geniereiche Mann hieß
Matthias Grünewald und war ein Maler in Aschaffenburg.
Der Charakter seiner Manier hat die meiste Ähnlichkeit mit
van Eyck und wir finden auf unseres Freundes Tablette die
Worte verzeichnet: „Ich habe nie ein Gemälde von Albrecht
Dürer oder Lukas Cranach gesehen, das ich so gern wie
dieses besitzen möchte."

UNSTAUSSTELLUNGEN

MANNHEIM, KUNSTHALLE
Blicke in die Formenwelt
der Primitiven

(Juli-August)

Die Mannheimer Kunsthalle hat in ihren Ausstellungs-
räumen eine Anzahl von Gegenständen zu einer Ge-
samtschau vereinigt, die bisher so im allgemeinen unter
dem Begriff „Völkerkunde" zusammengefaßt waren, Werke
aus den Kulturen der Südsee, Afrikas, Amerikas, der Malayen-
inseln. Dr. Hartlaub legte, neben der Rücksicht auf Ver-
mittlung einiger notwendiger Kenntnisse, den Nachdruck
vor allem darauf, daß sich die ausgestellten Stücke, ihrer
künstlerisch formalen Bedeutung entsprechend, herausheben
konnten.

Dies geschah natürlich, nicht ohne Fühlung mit Zeit-
strömungen, die uns auf jeden Fall den Umkreis der im
Worte „Kunst" beschlossenen Erlebnisse ganz anders weiten,
als das noch vor einem Jahrzehnt möglich war. Die naive
Selbstsicherheit, mit welcher man einst dem Fremden gegen-
übertrat und es noch günstig wertete, wenn man ihm den

Rang der Seltsamkeit zugestand, dieser wahrhaft „chinesische"
Standpunkt findet kaum noch ernsthafte Verteidiger. All
diese „fremden" Dinge dünken uns heute merkwürdig lebens-
nah; eine andere Frage ist freilich, ob wir uns dessen so
restlos zu freuen haben: neben dem panische Furcht ver-
körpernden Werk der Wilden liegt das Schnitzstück irgend-
eines Geisteskranken. Woher die Ähnlichkeit?

Aber diese Frage legt man sich nicht gerade dann vor,
wenn man einfach der Schönheit der ausgestellten Dinge
nachgeht. Es erstaunte, zu sehen, welche Werte in den
völkerkundlichen Sammlungen Mannheims selbst und in
Nachbarstädten wie Frankfurt, Karlsruhe, Heidelberg und
Freiburg zu finden waren und mit welchem Glück man
auf privater Seite in Mannheim gesammelt hat; vor allem
ist da der Name Wagenmann zu nennen.

Der erste Raum der Ausstellung zeigte Masken, Schilde,
Waffen der Südseeinsulaner, buntgemusterte Rindenstoffe,
Schnitzwerk aus Gesellschaftshäusern, Ahnenfiguren. Die
schweifende Phantastik dieser Stücke eignet sich für den
lockeren Aufbau der Gesamtbilder, dessen die Eingangs-
halle bedarf, damit der Besucher nicht gleich mit dem

31
loading ...