Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

Seite: 154
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EMIL POTTNER, HAFEN. FARBIGE ZEICHNUNG

AUSGESTELLT BEI AMSLER & RUTHARDT, BERLIN

BüfKsB UKTIONSNAC H R 1 CHTEN

BERLIN

Auktion von Graphik und Hand-
zeichnungen des neunzehnten und
zwanzigsten Jahrhunderts bei Paul
Graupeam25.und 26.Januar 1924.
Diese Auktion, zu der, wie man es bei Graupe gewohnt
ist, ein sehr sorgfältig und gewissenhaft gearbeiteter Katalog
vorlag, wurde mit Spannung erwartet, da man seit einge-
tretener Stabilisierung unserer Währung einen durch Angebot
und Nachfrage erzielten Wertmafistab für dieses Gebiet des
Kunsthandels dringend herbeisehnte. Denn wenn auch die
ernsthaft interessierten und erfahrenen Käufer und Samm-
ler die Preise der Vorkriegszeit mit erlebt hatten und
nicht, wie die Kriegskäufer zu tun pflegten, jeden Preis,
ob er auch noch so hoch war, für billig erklärten — es
ist seit der Vorkriegszeit doch immerhin ein ganzes Jahr-
zehnt vergangen und zwar ein Jahrzehnt, das die Verhält-
nisse auf dem Kunstmarkt mehrfach schwer erschüttert hat.
Das Bestreben gewisser Kreise, während des Krieges und
der Nachkriegszeit das entwertete Geld zu verachten und
um jeden Preis in „Ware" anzulegen, zeitigte ungesunde
Verhältnisse, ungesund deswegen, weil noch bis vor ganz
kurzem, ja bis heute, im verarmten Deutschland höhere
Preise für Kunst bezahlt werden, als in dem nicht im glei-
chen Maße verarmten Ausland.

Diese Auktion hat gezeigt, daß wir zwar wieder klein
anfangen müssen, sozusagen wieder von vorn anfangen
müssen, daß aber andererseits für wirklich gute Kunst ein
Kreis vernünftiger Sammler und Interessenten noch vor-
handen oder neu entstanden ist. Das Publikum der Ver-
steigerung machte einen sympathischeren Eindruck als die
oft recht wahllos zusammengeströmte Käuferschar, die in
den Jahren 1919—1922 die Auktionssäle zu füllen pflegten.
Händler, die man kannte, Sammler, die man ebenfalls kannte
und auch einige Museen waren in der Lage, schöne Er-
werbungen zu machen.

Was die Preise im einzelnen angeht, so halten wir uns
für die Beurteilung am besten an die drei lebenden großen
Meister der deutschen Graphik: Corinth, Liebermann und
Slevogt. Sehr bedeutende Zeichnungen von ihnen waren
nicht angeboten, sondern im wesentlichen Kleinigkeiten,
und so konnte zum Beispiel ein Aquarell von Corinth vom
Jahre 1922 (32 : 50 cm groß) mit Mark 360.—, da es sich
um kein bedeutendes Blatt handelte, als angemessen er-
scheinen. Vielleicht aber hat dieser immerhin niedrige Preis
doch künftig seine Rückwirkung auch auf die Preise der
ausgeführten guten Aquarelle aus der letzten Schaffens-
periode des Meisters, die mit durchschnittlich Mark 2000.—,
wie sie im Handel noch vor kurzem gefordert wurden,
doch wohl als übertrieben gelten können. Eine Kreide-
zeichnung von Liebermann „Feldarbeiter" (29 : 22 cm) war

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