Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

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BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Nr. i.

liegen, sondern auch in den Samm-
lungen, wo vor Zeiten allerlei zusammen-
getragen, aber später wenig beachtet
wurde. Ohne auf die Werke vorge-
schichtlicher, römischer Kunst und auf
solche aus der Völkerwanderungszeit
näher einzugehen, die noch da und dort
versteckt liegen müssen, oder wenigstens
im Boden zu vermuten sind, schwenken
wir sogleich nach der Richtung ab, wo
des besonderen für die Gemäldekunde
Ausbeute zu erwarten ist. Genug Samm-
lungen gibt es da aufzusuchen, in denen
Gemälde bewahrt werden, die noch einer
wissenschaftlichen Bearbeitung bedürftig
sind, ja bei denen noch nicht einmal
eine ausreichende Katalogisierung oder
Inventarisierung eingeleitet ist. Die staat-
lichen Arbeiten kunsttopographischer
Natur sind ins Stocken geraten, wenn
man überhaupt zugeben will, daß sie je
einmal flüssig vorwärts gekommen sind.
Die meisten kleinen Sammlungen in
den Provinzstädten sind nicht genügend
dotiert, um kostspielige Verzeichnisse
abfassen und drucken zu lassen. Es fehlt
ein unternehmungslustiger Verlag, um
etwa ein großes Werk herauszugeben,
wie „Les chefs d’oeuvre d'art des Musees
de France“ (von L. Gonse verfaßt).
Zusammenfassende kleine Handbücher
können aber nicht auf eine wissen-
schaftliche Bearbeitung einzelner Kunst-
werke eingehen. Und so müssen wir
uns eben nach der Decke strecken und
in kleinerem Maßstabe arbeiten. Knapp
zusammengefaßte Führer, kurze Ver-
zeichnisse müssen gewöhnlich genügen.
Einige Privatsammlungen machen Aus-
nahmen. Die öffentlichen provin-
ziellen Galerien aber, die ich heute
insbesondere meine, stehen meist ohne
genügende Kataloge da. Am tapfersten
hält sich jedenfalls Hermannstadt
mit der Herausgabe eines vorzüglichen
Kataloges und eines Galeriewerkes.
Die Innsbrucker Gemäldesammlung
kommt vielleicht sogleich in zweiter

Reihe nach. Prag und Linz hatten
wenigstens bis vor einiger Zeit aus-
reichende illustrierte Kataloge; in Graz
geht seit neuester Zeit ein frischerer
Zug durch die Galerie. Von anderen
Provinzsammlungen, sogar von der Ga-
lerie im Franzensmuseum zu Brünn
muß man mehr sagen, daß erst nam-
hafte Leistungen zu erwarten sind, als
daß man schon auf verrichtete große
Taten hinweisen könnte.

Halten wir einmal in Graz Einkehr.
Eine Galerie von nahezu 530 Nummern
ist, soweit es die Räumlichkeiten er-
lauben, geschickt untergebracht. Seitdem
Karl Lacher Direktor ist, der die kunst-
gewerbliche Abteilung des steiermärki-
schen Landesmuseums „Joanneum“ so
trefflich aufgestellt hat und verwaltet,
hebt sich auch die Galerie in merklicher
Weise. Im zweiten Stockwerk des Mu-
seumsgebäudes ist Raum geschaffen
worden und neben den Beständen der
alten Landesgalerie sieht man jetzt auch
die Bilder der Saillerschen und Benedek-
schen Galerien an den Wänden ausge-
breitet. Wer die Grazer Galerie noch
im Gedächtnis hat, wie sie in früheren
Zeiten gleich altem Gerümpel in den
finsteren Räumen des Wildensteinschen
Hauses mehr aufgespeichert als aufge-
stellt, mehr verheimlicht, als zugänglich
gemacht war, fühlt den Gegensatz um
so kräftiger. Zu wissenschaftlichen Ar-
beiten hatte man früher nahezu keine
Gelegenheit. Ohne dem damaligen Ga-
lerieleiter Schwach im mindesten nahe
treten zu wollen, muß doch ausge-
sprochen werden, daß ihm alles ferner
lag, als die fachgemäße Beschreibung
oder gar Bestimmung von Bildern. Auch
seine meist etwas malerisch aufgefaßten
Bilderrestaurierungen flößten manchem
Besucher Bedenken ein. Soweit die
eigentliche ältere Landesgalerie. Aber
auch die neuerlich eingereihten Privat-
sammlungen können nunmehr freier
und bequemer studiert werden, als vor-
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