Frimmel, Theodor von [Hrsg.]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

Seite: 129
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Nr. 7.

129

BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE,

redigiert von A. v. Scala, Wien, Artaria & Co.),
und die

— Monatshefte der kunstwisse n-
schaftlichen Literatur“ (herausgegeben
von Dr. Ernst Jaffe und Dr. Curt Sachs,
Berlin, Edmund Meyer) haben vor kurzem
den Jahrgang 1906 abgeschlossen.

EIN EXEMPLAR DER BRUEGHEL-
SCHEN KOMPOSITION. BESUCH
AUF DEM PACHTHOFE (WIEN
SAMMLUNG FIGDOR).

In der Antwerpener Galerie und im
Wiener Hofmuseum fallen zwei Bildchen auf,
die den Besuch von Städtern in einem Bauern-
hause, etwa einen Besuch auf dem Pacht-
hofe darstellen. Daß Brueghel im allge-
meinen bei diesen Bildchen zu nennen ist,
unterliegt keinem Zweifel; über die Zuweisung
an bestimmte Mitglieder der Familie Brueghel
herrschen aber Meinungsverschiedenheiten,
wenngleich es mir vorkommt, als sei eine
sichere Benennung möglich. Diese wird sehr
erleichtert durch das Bekanntwerden eines
dritten Exemplares, das sich seit einiger Zeit
in der Sammlung Figdor in Wien be-
findet *). In diesem Exemplar ist nämlich so
klar als möglich der Stil des jüngeren Peeter
Brueghel zu erkennen, seinekräftige Färbung,
seine frische Pinselführung. Das Bildchen mit
derselben Darstellung in der kaiserlichen
Galerie zu Wien wird dort mit Recht dem
älteren Jan Brueghel zugeschrieben. Es ist ein
Kupferbildchen von zarter Technik und Fär-
bung. **) In Antwerpen befindet sich (neue
Nummer 645) eine kleine Grisaille mit der-
selben Darstellung, eine Arbeit, die bald dem
jüngeren, bald dem älteren Peeter Brueghel
zugeschrieben wird, aber sicher vom älteren
Jan Brueghel herstammt. ***) Der Katalog des
Antwerpener Museums von 1894 verzeichnete
das Bildais WerkPeeterBrueghels des jüngeren,
das Verzeichnis von 1905 beschreibt es als Arbeit
des älteren, dem es auch von Romdahl im
Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen
des A. H. Kaiserhauses (Band XXV, S. 137)
gegeben wird. Eine weitere Wiederholung, grau
in grau gemalt, wird nach Angabe des neuen
Antwerpener Galeriekataloges im Musee muni-
cipal in Bergues bewahrt. Dieses Exemplar

*) Es mißt r,5T, X 38T) und ist auf Eichenholz
gemalt.

**) Abmessungen: 36X27.

***) Im älteren Katalog von 1894 werden keine
Maße angegeben. Der neuere bringt die in unserem
Falle unvereinbaren Ziffern H. 0-30, Br. IT45. Nach
meiner Erinnerung ist es ein kleines Bild, das keinen
Meter breit ist.

ist mir vorläufig nur nach der Erwähnung
bekannt, und ich lasse die Frage offen, wie
sich jenes Bild zu denen in Wien und Ant-
werpen verhält. Nur eines scheint mir auch
aus der Vergleichung der Bilder in der kaiser-
lichen Galerie zu Wien und in der Sammlung
Figdor, ebendort, hervorzugehen, daß beide
Exemplare auf eine Komposition des
älteren Peeter Brueghel zurückgehen.
Denn die zwei Söhne des alten Peeter haben
wiederholt nach Bildern des Vaters kopiert,
wogegen davon nichts bekannt ist, daß eiji
Sohn vom anderen kopiert hätte. Jeder gewann
im Technischen bald seine Eigenart: Jan I.
entfernte sich in der Färbung und Pinsel-
führung mehr vom alten Peeter, als der
jüngere Peeter, der wenig Gewicht darauf gelegt
zu haben scheint, als origineller Künstler auf-
zutreten. Immerhin gewann auch er seine
Eigentümlichkeiten. Neben diesen Schlüssen
ist es hervorzuheben, daß die Art der An-
ordnung bei den Figuren der vorliegenden
Komposition noch gänzlich den Gewohnheiten
des alten Peeter Brueghel entspricht, nicht aber
der Art der Söhne, wenn sie unabhängig von
Vorbildern des Vaters malten.

ZUR DARSTELLUNG DER VIER
EVANGELISTEN DES JACOB JOR-
DAENS IM LOUVRE.... .

Die Deutung der vier Figuren auf dem
Bilde des Jordaens, das herkömmlich die vier
Evangelisten heißt, ist nicht ganz felsenfest.
Gründe gegen diese Benennung wurden im
ersten Bande der Blätter für Gemäldekunde
vorgebracht, wobei die Vermutung geäußert
wurde, es sei in jenem Bilde der Louvre-
galerie etwa Christus unter den Schrift-
gelehrten gemeint. Ist es doch gar zu auffallend,
daß der eine Evangelist, der beim Buche steht,
so besonders bevorzugt wird, und daß die
übrigen mehr als Zuschauer oder Zuhörer,
denn als ebenbürtige Verkündiger des Evan-
geliums aufgefaßt sind. Eine Benennung des
Werkes durch Jordaens selbst hat sich nicht
erhalten, so daß immerhin neue Versuche der
Deutung nicht von vornherein abgeschnitten
sind. Das Dafür und Dawider abwägend,
bringe ich heute auch etwas zugunsten der
Benennung: Die vier Evangelisten bei. In der
jüngsten besonders hervorgehobenen Figur
des Bildes könnte man sich den Evangelisten
Johannes gemeint denken. Diese Bevorzugung
wäre allerdings bei Malern streng katholischer
Richtung, wie etwa bei Rubens nicht plausibel,
wogegen für den nicht katholischen Jordaens
wenigstens die Möglichkeit vorliegt, daß er im

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