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Kimpflinger, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 1, Teil 2): Stadt Braunschweig — Braunschweig, 1996

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https://doi.org/10.11588/diglit.44169#0168

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stein für Johann Anton Leisewitz aus dem An-
fang des 19.Jh. Ein ebenfalls aus dem 19.Jh.
stammendes zweiflügliges Tor zwischen Kalk-
steinpfeilern steht als Rest der alten Einfriedung
an der Goslarschen Straße und ist heute in eine
kniehohe Hausteinmauer integriert, mit der das
Gelände bei der Umgestaltung zur Parkfläche
umgeben wurde.
Der ehemalige St. Petri Friedhof, im nördlichen
Bereich der Goslarschen Straße gelegen, be-
steht seit 1757. Für seine Anlage verwendete
die St. Petri Gemeinde zunächst nur eine kleine
Parzelle von einem halben Morgen Größe aus
Gartenland, das die Gemeinde an dieser Stelle
„in den langen Höfen“ schon seit 1638 besaß.
Eine erste Erweiterung erfolgte 1807. Die Ver-
breiterung der Grundfläche auf die heutige Aus-
dehnung wurde erst 1856 durch Ankauf einer
weiteren schmalen Parzelle vorgenommen. Das
langgestreckte Friedhofsareal wird schon lange
nicht mehr belegt und ist - ohne besondere
gärtnerische Gestaltung - in eine städtische
Grünzone umgewandelt worden. Zwei parallel
verlaufende Wege durchziehen das Gelände
von Ost nach West und verbinden die Goslar-
sche Straße mit dem Alerdsweg. Zwischen
dem dichten Bewuchs haben sich nur wenige
alte Grabmäler erhalten, von denen die Steine
der Familie Degener von 1795 und 1812 als
gute Beispiele der Sepulkralkultur um 1800 er-
wähnenswert sind. Wilhelm Bracke, Braun-
schweiger Getreidekaufmann, Sozialreformer
und einer der wichtigen Ideologen der deut-

schen Arbeiterbewegung, fand 1880 hier seine
letzte Ruhestätte.
Gegen Ende des 19.Jh. entstand südlich des
Martinifriedhofes zwischen Madamenweg und
dem nach dem Winterschen Ortsbauplan von
1889 ausgebauten Hohestieg ein Siedlungskar-
ree, auf dem neben Wohnbebauung auch zwei
Schulen und eine Kirche errichtet wurden. Zur
Goslarschen Straße hin bildet - obwohl leicht
aus der Straßenflucht zurückgenommen - die
Turmfront der katholischen Kirche St. Joseph
mit hohem, spitzen Kegeldach einen markanten
Blickfang (Goslarsche Straße 6). Sie wurde
1902 im Auftrag des Bischöflichen Generalvika-
riates in Hildesheim von den Architekten W.
Moneke und C. Mittendorf in neugotischen For-
men entworfen, nachdem bereits vier Jahre
vorher auf dem hinteren Teil des Grundstückes
eine katholische Schule entstanden war, errich-
tet von denselben Architekten.
Der parallel zur Straße von Nordost nach Süd-
west ausgerichtete Kirchenbau ruht auf niedri-
gem Kalksteinsockel und ist in schlichter Form
in roten Ziegeln aufgemauert. Der Grundriß ist
dreischiffig, der Querschnitt basilikal und der
eingezogene Chor im Südwesten ist zu 5/8 ge-
schlossen, wobei durch eingeschossige Chor-
nebenbauten am Außenbau nur drei Chorseiten
zu sehen sind. An der Straßenfassade domi-
niert der mittige, vorspringende Einzelturm, in
dem das Hauptportal der Kirche liegt. Es ist als
tiefliegendes, kämpferloses Stufenportal gestal-

tet, gerahmt von einer Giebelarchitektur, in der
rundbogige Blendnischen sitzen. Das Tym-
panon zeigt ein Agnus Dei-Medaillon, umgeben
von Weinranken. Die Seitenschiffe haben
zurückliegende, niedrigere Portale. An der Süd-
seite des Glockenturmes ist ein kleiner, runder
Treppenturm eingestellt, über den die Empore
zu erreichen ist.
Die optische Wirkung des Innenraums beruht
auf dem Farbzweiklang zwischen rotem Ziegel,
in dem sich das tektonische Gerüst mit Rund-
pfeilern, Bögen, Diensten und Rippen darstellt,
und hell verputzten Wandflächen. Zweibahnige
Lanzettfenster mit Rundpaß belichten das Mit-
telschiff. Im Unterschied zum Entwurf wurde in
der Ausführung auf eine Triforiumzone verzich-
tet. In das erste Joch hinter dem Haupteingang
ist eine Empore eingestellt, auf der die Orgel mit
neugotischem Prospekt ihren Platz hat. In den
niedrigen Seitenschiffen sitzen dreibahnige Lan-
zettfenster. Die Ausstattung der Kirche ist
äußerst schlicht: neben Kreuzwegtafeln in den
Seitenschiffen sind nur der Hauptaltar sowie die
beiden Seitenaltäre am Ende der Seitenschiffe
zu nennen, die wie der gesamte Kirchenbau in
reiner Neugotik erscheinen. Neben allgemeinen
stilistischen Anleihen aus der Backsteingotik
des 13. und 14.Jh. in Norddeutschland ist der
Bau jedoch unmittelbar abhängig von den neu-
gotischen Sakralbauten L. Winters.
Die auf dem Grundstück hinter der Kirche
zurückliegende und bereits 1898 errichtete

Goslarsche Str. 6, Kirche St. Joseph, 1902, Arch. W. Moneke und C. Mittendorf


Goslarsche Str. 6, Kirche St. Joseph, 1902, südl. Seitenschiff


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