Die Gartenkunst — 4.1902

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DIE GARTENKUNST

IV, 8

Städtebau und Gartenkunst.

Konkurrenzentwurf' für den Bebauungsplan der südwest-
lichen Hälfte der Gemarkung Linden bei Hannover.
(L Preis.)

Von J. Trip-Hannover.

(Mit, S Plänen.)

Vorwort.

Dafs es mir gelungen ist, bei der Konkurrenz um Er-
langung eines Bebauungsplanes für den Südwesten der
Mittelstadt Linden bei Hannover, bei der stark zu
nennenden Beteiligung von 50 Bewerbern den ersten
Preis davonzutragen, war für mich namentlich aus dem
Gesichtspunkte so ganz besonders erfreulich, als dadurch
allgemein erwiesen wurde, dafs der leitende städtische
Gartenbeamte auf einem Gebiete leistungsfähig ist, welches
bislang Ingenieure, Geometer und Architekten als ihre
eigenste Domäne betrachteten.

Noch vor einigen Jahrzehnten lag die Städteplanung
lediglich in den Händen der Landmesser und Ingenieure,
und es häuften sich leider erst Fohler auf Fehler, bis man,
angeregt durch führende Genies, zu der Einsicht kam, dafs
man bei der Stadtplanung nicht allein von dem Stand-
punkte der Boden- und Bauspekulation, der Verkehrs- und
anderer Nützlichkeitsrücksichton ausgehen, sondern auch
dem ästhetischen Momente den gebührenden Eintlufs auf
die Linienführung der Strafsen und Plätze mit dem End-
ziel der malerischen Wirkung im ganzen wie im einzelnen
geben müsse. Der überzeugend und packend gegebenen
Anregung, die um so durchschlagender wirkte, als sie
das allgemeinste Empfinden in künstlerisch denkenden
Kreisen zum Ausdruck brachte, ist die Architektenschaft
Deutschlands mit Eifer gefolgt, und es wurde in Wort,
Schrift und That der Grundsatz aufgestellt und ver-
fochten, dafs nur der talentierte Baukünstler imstande sei,
Bebauungspläne herzustellen, die sowohl den praktischen
wie den künstlerischen Anforderungen, welche man billiger
weise an ihn stellen könne und müsse, gerecht werde.
Man bestritt den Landmessern und Ingenieuren auf Grund
ihrer ganzen Ausbildung und Veranlagung die Fähigkeit,
den Geboten der Ästhetik bei der Stadtplanung Genüge
leisten zu können, und extreme Parteigänger erhoben die
Forderung, dafs nur ein Baukünstler Leiter der Amtsstelle
für die Stadtbebauung sein könne und müsse. So wogt
heute noch der Kampf zwischen den rivalisierenden
Parteien.

Künstler vom Schlage eines Professor Henrici haben
die hauptsächlich von Camillo Sitte-Wien litterarisch zum
Gemeingut gemachten Ideen in die Praxis übersetzt und
haben weitgehende, zum Teil mustergültige Bebauungspläno
geschaffen, so namentlich Henrici in den preisgekrönten
Konkurrenzplänen für Hannover, Gotha, München etc. Aber
der Gegner ist keineswegs verdrängt und die neueren
Wettbewerbe zeigen, wie der Landmesser und Tiefbau-
meister sich die Lehren der Reformer zu nutze gemacht
haben und neben den Baukiinstlern erfolgreich das Feld
behaupten. Und warum? M. E. hauptsächlich deshalb,

weil sie sich freizuhalten suchen von einseitig malerischer
Anschauung und vor dem vielfach auf gegnerischer Seite
zu beobachtenden Übereifer. Dieser durch die letzten
beiden Jahrzehnte sich hindurchziehenden interessanten,
ich möchte sagen epochemachenden Bewegung gegenüber
hat sich der Gartenkünstler im allgemeinen sehr passiv
verhalten, trotzdem gerade in diesem Zeitraum die Garten-
kunst in den Städten in ihren verschiedenen Formen
gewaltige Fortschritte gemacht hat und zu einer Bedeutung
gelangt ist, der man in den meisten Grofsstädten durch
Schaffung selbständiger Gartenverwaltungen sprechenden
Ausdruck gegeben hat.

Das ist eine Erscheinung, die zu ernstem Nachdenken
und zur Prüfung der Ursachen herausfordert und deren
Erörterung an dieser Stelle hiermit hoffentlich nur den
Anfang macht und den Anlafs zu einem recht lebhaften
Meinungsaustausch giebt.

Wenn auch leider der angehende Gartenkünstler bei
der Überbürdung des Dozenten für Gartenkunst und der
viel zu geringen Zeit, welche der heutige Lehrplan der
königl. Gärtnerlehranstalt Wildpark der Ausbildung in
Theorie und Technik der Gartenkunst beläfst, nur einige
Andeutungen und Grundzüge über den Städtebau zu hören
bekommt, so ist doch der städtische Gartenbeamte bei
einigem Interesse und Studium der betr. Litteratur und bei
offenem Bück für die Verhältnisse, welche einen mafs-
gebenden und vor allem einschränkenden Eintlufs auf die
Planung ausüben, m. E. ganz besonders voranlagt, allen
Anforderungen, die man im besten modernen Sinne ;m
einen allseitig befriedigenden Städteplan stellen kann, frei
von einseitiger Befangenheit gerecht zu werden. Denn er
beherrscht einerseits ebenso wie der Landmesser die
nötigen Vorkenntnisse der Mefskunst, ist genügend
Ingenieur oder hat in seiner Amtsthätigkeit vollauf Gelegen-
heit, sich die fehlenden Kenntnisse, soweit sie hier in Be-
tracht kommen, anzueignen, und er wird, da die Einteilung
und Höhengestaltung gröfserer Flächen nach künstlerischen
und praktischen Gesichtspunkten bei Schaffung von Stadt-
plätzen und Parks eine seiner wichtigsten Aufgaben dar-
stellt. Sicherheit und Gewandtheit in der Flächenschätzung.
Einteilung und Linienführung vor dem Durchschnitts-
Architekten voraus haben, der stets mit mehr oder weniger
kleinen Flächen und deren möglichster Ausnutzung zu
rechnen hat. I>azu komm! die für den Gartenbeamten un-
bedingt erforderliche Fähigkeit, sich in seinen Werken den
Gebilden der Architektur und Skulptur nach künstlerischen
Grundsätzen nicht nur anzupassen, sondern ihnen auch in
vielen Fällen die Basis, den Kähmen und den Standpunkt
für ihre richtige Wirkung zu geben, welche ihn auf Grund
vielfacher Erfahrung in den Stand setzt oder setzen kann,
sich die verschiedenen Platz- und Strafsenführungen in
ihrer Wechselwirkung mit den Wecken der Gartenkunst,
der Architektur und Skulptur kritisch zu vergegenwärtigen.
Diese Vielseitigkeit der Auffassung, welche aus der Eigen-
art seines ganzen Schaffens entspringt, wird den städtischen
Gartenbeamten im allgemeinen vor einseitigem Übereifer
in der einen oder anderen Richtung mein' bewahren wie
den Architekten und Ingenieur.
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