Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKORATION 53

HOTEI. ADLON
— BERLIN.
UNTER 1). LINDEN.

GROSSE LATERNE
IM VESTIBÜL.
AUSFÜHRUNG:
H. PROST S SÜHNE
IN BERLIN.

DAS SITZ-ZIMMER.

EINE GLOSSE VON RICHARD SCHA.UKAL—WIEN.

Das Sitz-Zimmer tritt in der bürgerlichen Wohnung
das Erbe des Salons an. Es ist begünstigt durch
die Entwicklung des neuen Stils. Sein Wesen stammt
aus England.

Die englische Geselligkeit der Mittelklassen spielt
im drawing room, dem Verkehrs- oder Plauderzimmer.
In Deutschland hatte man gern am Speisetisch ver-
weilt. Nur die feierlichere Geselligkeit wanderte
nach dem Mahle in den Salon hinüber. Der gemüt-
liche Kreis blieb um den abgeräumten (nicht abgedeckten)
Tisch, beisammen. Der Engländer erhebt sich vom
dinner. Der Deutsche trinkt weiter. Das zweite Früh-
stück ist dem Engländer etwas rasch zu Erledigendes.
Das »Mittag«-Mahl (um 7 Uhr) dehnt er, im abend-
hchen Anzug, durch eine Reihe von obligaten Gerichten
etwas in die Länge. Der Deutsche teilt den Tag nicht
so scharf in zwei ungleiche Teile. Kr ilit wirklich zu

Mittag, zwischen 12 und 1 Uhr. Das Abendbrot nimmt
er gern in Gesellschaft. Seit zwei Menschenaltern
ist das französische Restaurationswesen beliebt. Man
geht ins Gasthaus. Der Engländer bleibt zuhause.
Seit jeher. Sein häusliches Bedürfnis hat längst den
vorzüglich häuslichen Raum geschaffen, ja, sein ganzes
Haus trägt ihm Rechnung (die bewohnbare geheizte
hall). Erst nach dem dinner sucht der Vermögliche
einen Klub auf, während der »gesellige« Deutsche vom
Gasthaus in das Kaffeehaus (eine österreichische Beson-
derheit, die ihre Art sehr verwandelt hat) übersiedelt.

Die englische Einrichtung (Möbelstil) brachte eine
kleine Revolution in die deutsche Geselligkeit. Seitdem
er sich in sein englisches Sitzzimmer eingelebt hat, bleibt
auch der Deutsche lieber zuhause. Und — Gott sei
Dank — der Salon welkt ab. Nur in der Kleinstadt
erhält er sich modernd. Die Großstadt hat ihn ver-
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