Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKOR'ATION

TRAU- UNI) AMTS-ZIMMER FÜR DAS
RATHAUS ZU LÖWENBERG, SCHLESIEN.

ENTWURF: PROF. POELZIG, BRESLAUER KUNSTSCHULE. AUS-
FÜHRUNG: WERKMEISTER HAHN, MÜHL, PETZOLD, SCHMITZ.

DAS ARCHITEKTUR-MODELL.

Man sieht heute so viele Architektur-Modelle, daß es
wohl am Plaße ist, hierüber etwas zu sagen. Nehmen
wir an: ein Architekt hat eine Villa oder sagen wir ein
größeres öffentliches Gebäude in Arbeit. Der Entwurf ist
fertig, alle Blätter fein säuberlich in Tusche ausgezogen;
um noch ein Übriges zu tun, sind einige schön gezeichnete
oder gemalte Perspektiven entstanden — jetjt muß der Bild-
hauer ein Modell anfertigen — natürlich! Das ist die Art,
wie in der Regel Architektur-Modelle entstehen. Weit ge-
fehlt! So schaffen, heißt das Modell seines inneren Wertes
berauben, es zur stummen Magd erniedrigen, ein Schaffen,
dem der impulsive Drang fehlt, — ein Wesen ohne Seele.
Weit schlimmer noch ist es, die vollständig fertigen Zeich-
nungen einer „Architektur-Modell-Fabrik" (welch ein Name!)
zu übergeben. Nach wenig Wochen trifft das Modell fein
säuberlich geglättet und getönt ein, die Pläne kommen zurück,
alles stimmt, d. h. alles ist genau nach Plan gearbeitet,
kein Fehler zeigt sich, und doch erkennt des Künstlers Auge
auf den ersten Blick — nicht die Fehler des Modells, nein:
die Mängel des Entwurfs. Hier liegt der Kernpunkt des
Ganzen. Hieraus ergibt sich logisch von selbst, wozu der
Architekt eigentlich das Modell braucht, wann er
es beginnen muß, und wie er mit dem Bildhauer
Zu arbeiten hat.

Der eigentliche Zweck des Architektur-Modells scheint
mir von jeher nicht richtig erkannt zu sein; nicht Endzweck,
sondern Mittel zum Zweck, wird es den Entwurf veredeln.
Was nürjt denn das Modell, wenn die Pläne des ganzen Bau-
werks bereits festgelegt, wenn es nicht in der Absicht ent-
steht, den Entwurf aus dem Modell und das Modell aus
dem Entwurf zu ergänzen! Modell und Zeichnung, Zeich-
nung und Modell so eng aneinander gekettet, daß sie un-
zertrennbar sind. Erst den Entwurf und dann das Modell
anzufertigen, widerspricht dem Zweck des leßteren, dies
muß aus jenem heraus- und jener in dieses hinein-
wachsen, eins muß auf dem andern sich erbauen.
Nur so hat das Architektur-Modell, nach meinem Dafürhalten,
überhaupt erst eine Berechtigung. Es soll doch nicht ein
Spielzeug sein, an dem das Auge des Laien sich weidet
oder ein Schaustück, die Büreauräume der Architekten zu
füllen, — ein Stück ernster Arbeit, Studium ist es,
an dem der Künstler reift.

Hierfür ein Beispiel. Ich hatte kürzlich ein größeres
Bau-Objekt in Arbeit. Die Grundriß-Disposition im allge-
meinen war getroffen, von der Gruppierung der Baumassen
eine bestimmte Vorstellung vorhanden. Ich ging so, gleich-
sam in aufdämmerndem Morgenlicht hinausschauend in die
erwachende Natur, nicht ans Zeichenbrett, sondern — in den
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