Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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PROFESSOR DR. ING. BRUNO SCHMITZ:
DAS EIGENHAUS DES KÜNSTLERS.

Das eigne Heim, dem die stille Sehnsucht des
modernen Stadtmenschen gilt, ist nicht bloß
aus materiellen Gründen für die meisten eine Sache
der Unmöglichkeit. Fast alle Vorteile und der
ganze Charakter der Großstadt wie des groß-
städtischen Lebens, sie beruhen auf der Dichte der
Bevölkerung, auf der Intensität des Zusammen-
wohnens. Das vielstöckige Haus mit der viel-
köpfigen Mieterschaft kann damit heute und wohl
auf sehr lange Zeit hinaus von der modernen Stadt
nicht getrennt werden. Die Mehrzahl der Städter
ist verurteilt, zeitlebens unter fremdem Dache zu
schlafen und mit fremden Leuten Wand an Wand
zu sein.

Selbst der Glückliche, der sich wirklich ein
Stück Grund und Boden in dem wilden Streit des
Kapitals errungen hat, ist weit entfernt, damit ein
Pfand zu besitzen, um die allüberflutende An-
maßung der Masse, der ewig-fremden Masse, von
sich abzuwehren. Wer nicht bloß sein eigenes
Heim besitzen, sondern es auch zum lautern, un-
verfälschten Ausdruck seiner Persönlichkeit prägen

will, der nimmt zunächst einen langwierigen über-
aus mühseligen Kampf auf sich, aus dem dann
doch immer wieder die »Andern« — die Allge-
meinheit — als Sieger hervorgehen. »Das eigne
Heim«, in vollster Bedeutung gefaßt, ist in der
Stadt ebenso schwer erreichbar, wie die eigene
Persönlichkeit. Der Kräfte, die auf den Einzelnen
anstürmen, sind zu viele. Sie beeinflussen seine
Sonderart so unablässig, sie drehen und drücken
und schleifen so lange an seinem Charakter, bis
sein Wesen die eigene Physionomie verloren und
sich dem allgemeinen Typus angeglichen hat.

Einen gewissen Typus drängt die Stadt auch
dem neuen Hause auf. So, wie die andern alle
vor dir gebaut haben, so oder ähnlich darfst du
auch bauen. Aber weiche ja nicht zu sehr vom
»Ortsüblichen« ab! Die »Stadt« hat sonst Mittel,
dem Renitenten das Bauen gründlich zu verleiden.
Und sie macht es dir ja so leicht, dem Willen der
»Allgemeinheit« zu folgen. Da sind die Hunderte
und Tausende von Vorbildern rechts und links der
Straße, denen deine Phantasie nimmermehr ent-

PKOFESSOR BRUNO SCHMITZ—BERLIN.

Eingang des Wohnhauses,

1908. II. 3.
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