Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKORATION

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PROFESSOR BRUNO SCHMITZ.

Schlaf - Zimmer der Töchter.

DAS KÜNSTLERISCHE PROBLEM DER INDUSTRIE.

Das künstlerische Problem unserer Zeit liegt nicht
im Kunsthandwerk, es liegt in der Industrie. Die
kunsthandwerkliche Disziplin steht fest, wenn es sich
darum handelt, ein vollendetes Stück Treibarbeit, ein
köstliches Geschmeide, eine ausgezeichnete Töpferarbeit,
einen erlesenen Bucheinband mit Handvergoldung, edle
Spitzen oder Stickereien, feine Möbel mit Schnitz- oder
Einlegearbeit zu liefern. Es sind Arbeiten, die von
Liebhabern verlangt und bezahlt werden und die wieder
reichlicher auftreten werden, wenn die Kultur fort-
schreitet. Es ist Handarbeit im künstlerischen Sinn
und verkörpert die viel begehrte und so selten gebotene
Qualität. Die moderne Bewegung hat diesen kunsthand-
werklichen Leistungen den gebührenden Rang neben
den sogenannten hohen Künsten zurückerobert und ihnen
namentlich unter der Einwirkung der englischen Be-
wegung eine Seele eingehaucht, die sie den hohen
Leistungen des alten Kunsthandwerkes ebenbürtig macht.
Aber das sind kunsthandwerkliche Arbeiten, die persön-
lich bestimmt sind und wieder nur dem Kunstbedürfnis
der Persönlichkeit dienen. Sie sind nicht für die Masse da.

Für die Masse sorgt die Industrie. Sie ist aus
der Masse hervorgegangen und nur durch sie gerecht-
fertigt. Einer unbegreiflichen Lebenslüge zufolge, möchte
die Masse auch Kunst haben. Also das, was sie nie-

mals verstanden hat und niemals verstehen wird. Die
Folge ist, daß sie ein wertloses Surrogat hinnimmt, und
daß die Industrie diese Art von Kunst für die Masse
hervorbringt. Kunstindustrie. In Wahrheit aber kann
die Industrie niemals Kunst hervorbringen. Kunst-
industrie ist ein Unding. Der hohe menschliche Begriff
der bildenden und handwerklichen Künste ist lediglich
bestimmt von der persönlich geadelten Handarbeit,
durch die sich die seelische Inspiration stofflich aus-
drückt. In der Reproduktion eines Meisterwerkes der
Malerei oder in der Galvanoplastik, und wiederholte sie
auch ein Werk Michel Angelos, haben wir nicht das
Kunstwerk, nicht einmal ein Bruchstück desselben,
sondern nur eine schwache Andeutung einiger Linien
und Flächen. Ebensowenig haben wir in der industriellen
Nachbildung der kunstgewerblichen Handarbeit einen
Ersatz für das, was wir an jener Handarbeit künstlerisch
schätzen und empfinden. Alle Geschmacklosigkeiten,
ein großer Teil der Qualitätsmängel und der Übel, die
im Gefolge der modernen Zivilisation aufgetreten sind,
kommen aus dem Glauben, daß die Industrie Kunst
machen und das wichtigste künstlerische Moment der
Seelenfreude und der persönlich differenzierten Hand-
arbeit durch die Arbeitsteilung und durch die Maschine
ersetzen können.
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