Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKORATION

DER LEHRER ALS ORGANISATOR.

Der Kunstunterricht hat nicht den Zweck, Künstler
zu schaffen, denn das kann er nicht; Künstler
wollen geboren sein. Der Kunstunterricht hat noch
weniger den Zweck, aus den Schülern Neuauflagen des
Lehrers zu machen; das würde sich selten verlohnen.
Leider glauben die meisten Lehrer, das eine wie das
andere leisten zu können; wollen sie Künstler machen,
die ungefähr so ausschauen wie sie selbst. Die so
ungefähr an das herankommen, was der Meister Lehrer
leistet. Die Lehrer wollen Erfolge haben; so pressen
sie aus den kleinsten Talenten Kunstwerke, wie sie sie
verstehen. Selbst aus dem Unfähigsten machen sie
einen Storchschnabel. Ein Musterlehrer braucht über-
haupt keine begabten Schüler; er braucht nur Fleiß.
Dressur ist alles, und folgsames Abgucken der Schlüssel
zum Stipendium. Je verkrüppelter die Vorstellungskraft
des Novizen ist, desto leichter läßt sich das Hirn
methodisch massieren.

*

* *
Große Künstler waren selten Musterschüler; die
Musterschüler bestreiten die Paraden am Ende des
Semesters. Je profaner das Auge und je geistloser die
Finger, desto leichter und sicherer liefert der gut
exerzierte Rekrut fertige Arbeiten, sauber radierte,
glatte, meisterliche Arbeiten. Die nachhelfende Hand
des Lehrers vermag viel. Und reif und vollendet

dünken den Uneingeweihten solche wohl gehüteten

Jünglinge; sie sind aber in Wirklichkeit wie über-
tünchte Gräber.

* *

Die Lehrkraft der Historie wird meist überschätzt
und selten richtig erkannt. Für das Kopieren gilt die
Stecknadelprobe. Durch das Kopieren soll der Schüler
einen Formenschatz gewinnen. Daß er damit jongliere.
Das läßt sich begreifen, und es sichert die prompte
Erledigung jeglicher Aufgabe. Bald und gern lernen es
die Musterschüler: auf Raub auszugehen. So wie sie
eine historische Form sehen, überschlagen sie: was
ließe sich daraus machen. Und dann nehmen sie eine
egyptische Säule und fabrizieren daraus ein Stuhlbein
oder einen Kronleuchter; nehmen historische Formen
und zerren und pressen sie, bis sie in ihren Kram
passen. Solch Unterricht ist ein Ausschlachten dessen,
was als Klassik lebt. Wo aber das Schlachtmesser ge-
wetzt wird, herrscht der Tod.

Mit dem, was die Natur wachsen läßt, wird nicht
vorsichtiger noch klüger umgegangen. Festnageln heißt
die Parole. Mitten durchs Herz werden die Nägel
getrieben. Der Naturunterricht aber kann nur Wahrheit
und Leben schaffen, wenn er anleitet: die Logik, den
fruchtbaren Geist der gewachsenen Formen zu erfassen,
das Gesetz der Verhältnisse, die Unbedingtheit der
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