Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKORATION

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KELLER & REINER—BERLIN.

Speise-Zimmer bei Herrn A. W.

DAS KÜNSTLERISCHE PROBLEM DER INDUSTRIE.

(Schluss des Aufsatzes im Februar-Heft.)

Die ganze Industriearbeit ist naturgemäß auf Geschäfts-
mäßigkeit zugeschnitten. Zum Teil liegt es an den
Lohnverhältnissen. Die Arbeitskraft hat aufgehört, einen
unmittelbaren seelischen Anteil an dem Geschaffenen
zu nehmen; das ganze Arbeitsverhältnis in der Industrie
ist eine bloße Lohnfrage geworden. Die Daseins-
bedingungen der Industrie sind auf Masse und Schnellig-
keit gestellt. Je größer der Betrieb, desto weniger
kann es in allen Stücken mit den Grundsätzen der
Qualität genau genommen werden. Häufen sich die
Bestellungen, z. B. in der Möbelbranche zu gewissen
Zeiten, dann legt die kapitalistische Verantwortung der
Leitung die Bflicht auf, die Quantität zu bewältigen.
Der Akkordlohn ist ein Mittel, der menschlichen Arbeits-
kraft eine quantitative Mehrleistung abzuringen. Die
natürliche Folge ist eine größere Flüchtigkeit auf Kosten
der Qualität. Wenn es der Bedarf verlangt, muß der
Arbeiter lieber 10 Stück eines gewissen Erzeugnisses
an einem Tag machen, wenn sie auch etwas minder-
wertig sind, als an einem Tag ein gutes Stück. Die
Bflicht, schnell zu liefern, die vom Käufer, sowie von
der Konkurrenz auferlegt wird, verhindert es z. B. in
der Möbelbranche den Erzeugnissen die nötige Her-
stellungszeit einzuräumen, die von der Qualität bedingt
würde. Wer weiß, daß fournierte Möbel, feine Bolituren

Monate lang in Arbeit stehen müssen (jahrelang ge-
trocknetes Holz vorausgesetzt), um Gediegenheit zu
besitzen, der wird bei der durchschnittlichen Lieferzeit
von 4—6 Wochen kein hohes Maß an Qualität erwarten
dürfen. Den üblichen Qualitätsversicherungen gegenüber
ist einige Skepsis am Blatze, wenn man bedenkt, daß
ein so umfangreiches Gebäude wie »Rheingold« in
Berlin mit allen Inneneinrichtungen in einem Zeitraum
von nicht mehr als 12 Monaten fertiggestellt wurde.
Je größer der Betrieb, desto weniger hat er es in der
Macht, Aufträge, die sich den elementaren Qualitäts-
bedingungen widersetzen, abzuweisen. Das kann der
kleine Tischler tun oder der Kunsthandwerker, der seine
Arbeit nur nach hohen menschlichen Gesichtspunkten
vollbringt und einen gleichgestimmten Interessentenkreis
besitzt. Das kann von den modernen Broduktions-
stätten größeren Stils nur die Wiener Werkstätte tun,
die sich auf den Grundsatz gestellt hat, lieber soll der
Arbeiter 10 Tage an einem Stück arbeiten, als an einem
Tag 10 Stücke auf Kosten der Qualität machen.

Ein weiterer Widersacher der Qualität ist die ver-
langte Billigkeit. Die Forderung der Billigkeit ist durch
die allgemeine wirtschaftliche Verfassung bedingt und
im Kapitalismus begründet. Es ist aber ein Irrtum
anzunehmen, daß der kunstgewerbliche Großbetrieb
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