Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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IMITATION UND SURROGAT.

von karl heinrich otto.

Tmitation und Surrogat, Nachahmung und Ersarj, sie sind
JL immer noch lockend und Gewinn verheißend, sie werden
immer noch gesucht und angewandt wie bereits vor tausen-
den von Jahren. Wir regen uns heute nicht mehr so sehr
über sie auf wie vor etwa 25 — 30 Jahren, da man erbost
gegen alles zu Felde zog was Echtheit heuchelte, was
etwas sein sollte, was es nicht war. Unsere Ästhetiker sind
Imitationen und Surrogaten stets scharf zuleibe gegangen.
Häufig mit Recht, aber sehr oft auch ohne jegliche Be-
rechtigung. Seit der Zeit das Glas erfunden war, hat man
versucht Edelsteine nachzumachen; seit bei uns die erste
Tasse Kaffee getrunken wurde, hat man nach Ersaßmitteln
gesucht, seit der Tabak seine Liebhaber fand, hat man nach
einem billigen Ersaßkraut gefahndet. - Imitation und
Surrogat waren stets Bundes-
genossen; beide sind fast un-
trennbar, die eine wird oft von
dem andern bedingt, und so
sehen wir sie häufig an einer
Sache. — Wir tun häufig
nicht klug daran, gegen Imi-
tation und Surrogat als so-
genannte Unlauterkeiten und
Minderwerte zu Felde zu
ziehen. Es kommt doch
ganz darauf an, ob sie immer
die Absicht haben, uns zu
hintergehen, uns Schein und
Täuschung für Wahrheit zu
bieten. Das ist lange noch
nicht immer der Fall. Früher
haben kluge Hausfrauen auch
die Baumwolle für ein Surro-
gat gehalten, das Wolle und
Leinen ersehen sollte. Und
doch hat die Baumwolle
wieder ihre eigenen Vorzüge,
die Qualitätsfragen für Wolle
und Leinen stark beeinflussen;
sie steht ja völlig in der
Mitte, unabhängigund selbst-
ständig für sich, daß sie
der beiden andern gar nicht
bedarf. — Imitationen und
Surrogate werden erst da
und dann gefährlich, wenn
sie absichtlich für Fälschung
und Täuschung herangezogen
werden, also betrügerischen
Absichten dienen: falschen
Edelsteinen, minderwertige
Gold- und Silberlegierungen.
An sich läßt sich aber so-
wenig Imitationen wie Surro-
gaten die Berechtigung an-
gemessener Verwendung ab-
sprechen. Es scheint mir
geradezu töricht, zu sagen,
man solle sich ihrer ge-
zwungenermaßen nur in Not carl witzmann—wien.

fällen bedienen ; denn es gibt auch Imitationen, denen man
keineswegs den Vorwurf machen darf, sie sollten etwas anderes
geben, als sie in Wirklichkeit sind. Ich erinnere nur an die
Stuckantragtechnik, an die Technik des stucco lustro, an
bronzierten Gips und ähnliches, die uns doch klar zeigen:
welches Material sie bergen und was sie demgemäß auch der
Technik nach nur sein können. Ich erachte jede Imitation und
jedes Surrogat für statthaft, die in uns keinen Zweifel darüber
lassen, was sie ihrem Wesen nach in Wirklichkeit sind.
Wie viele Ästhetiker haben sich schon über bronzierte
Gipsfiguren aufgeregt, die der kleine Mann — auch wohl-
habende Leute und vor allem gebildete haben das früher
getan — in seiner guten Stube aut Kommode und Glas-
schrank stellt. Weshalb soll man hier tadeln. Eine bron-

Aus nebenstehendem Raum. Ausf ührung: A. Legerer— Wien.
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