Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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1NNEN-DEKORATION

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KELLER & REINER—BERLIN.

Herren-Zimmer im Schloß des Reichsgrafen Sch.

Farben-Gebung von Interieurs.

Während man sich den Kopf schier zerbricht, immer
wieder neue Formen für Tisch und Stuhl, Diwan
und Schrank zu ersinnen, während man für eine aparte
Gestaltung von Möbel und Innenraum die größte Mühe
aufwendet, mit einem Worte zeichnerisch möglichst
ernst genommen sein will, fertigt man — die Farbe
mit einer sehr nachlässigen Geste ab . . . Weshalb,
sei hier nicht erörtert; es genügt auch, zu sagen, daß
dem so ist, daß heute noch so, und jeden und jeden
Tag so vorgegangen wird. Gewiß, es gibt unter den
Vertretern der Nutzkunst, unter den Architekten welche,
die die Farbe zu ihrem Recht kommen lassen, wie bei-
spielsweise Professor Emanuel von Seidl, allein das sind
Ausnahmen, und Ausnahmen . . . usw. So haben wir —
wenn ich mein Gesamtthema mit Büchern vergleichen darf
— denn in formaler Hinsicht die wertvollsten und die
breitesten Bände zur Hand, über die Farbengcbung von
Räumen aber kaum eine dünne Broschüre. Das ist
nun recht traurig, da ja »der bunte Schein«, der Ton,
die Nuance, die Farbe, der malerische Akkord nicht
wenig sondern sehr viel in der Erscbeinungswelt be-
deutet, die farbige Fläche Stimmung erzeugen, etwas
von dem Duft stiller Blumen ins Gemach herein tragen
sollte, Seele . . . Aber die Farbe schien und scheint

nur ein notwendiges Übel. Schien; denn haben wir
uns nicht etwa Jahrhunderte hindurch dieselbe vage
braune Möbelsauce vorsetzen lassen? Scheint; da man
sich die heutige verächtliche Behandlung dieses so
wertvollen Ausdrucksmittels nicht anders erklären kann.
Als nämlich die neue, die angewandte Kunst erstand,
beschäftigte sie sich wohl auch mit der Farbe von
Hausgerät und Raum, allein es war ihr da nur um
»das Neue« zu tun, — um die Sensation. Statt dem
ewigen Braun endlich einmal Grün, Rot oder gleich
mehrere Farben! »Es war eine schöne Zeit«. Es
war ein scheußlicher Geschmack bei Künstler und
Konsument. Schließlich wurde man ruhiger . . . und
damit kommen wir wieder zu einem Abschnitt unsrer
kleinen Broschüre. Noch liebte man die Farben, nicht
mehr aber die grellbunte Roheit. Man bevorzugte
also noch kräftig wirkende Holzgattungen— wie Mahagoni
und dergl. — ließ aber das schöne warme Rot des
Möbels sich von gebrochen roter, von »kalt« roter
Wand abheben. Indes, auch dieses Verfahren hatte
seine bedeutenden Schattenseiten; unter anderem setzte
es einen Mietskontrakt von mindestens 5 Jahren voraus,
ganz zu schweigen davon, daß einem diese Sinfonien
in Gelb, Rot, Blau etc. mit der Zeit auch ganz gehörig
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