Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKORATION

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ENTWURF VON ARCHITEKT GEORG APPEL—MÜNCHEN.

Das Schmiedeeisen in der angewandten Kunst.

Noch immer stehen wir im Zeitalter des Eisens; es
beherrscht Zivilisation und Kultur; es erobert
sich immer größere Verwendungsgebiete, verdrängt
Holz und Stein. Sein Weg vom ersten Auffinden und
Verarbeiten zu primitiven Waffen und Werkzeugen
durch Jahrtausende hindurch bis zu uns gleicht einer
gewaltigen, über Tiefen und Höhen gehenden Triumph-
straße. Lehrbücher und populäre Schriften lieben
Vergleiche zwischen Uhrfeder und Panzerplatte oder
sonstigen, weit von einander stehenden, Dingen aus
Eisen, um Verwendbarkeit und Nützlichkeit recht stark
zu illustrieren. Aber nicht im entferntesten können
damit dem Eisen besondere Schmeicheleien gesagt
werden; dann könnte man auch einem Schmuckstück
aus Eisen ein Kriegsschiff gegenüberstellen.

Als die Moderne den Materialien und Techniken
eine besondere Wertnote gab, da stand das Eisen,
heute durch die verschiedensten chemischen Prozesse
veredelt und bis zur höchsten Feinheit verarbeitungs-
fähig gemacht, wie seit alters her in vorderster Reihe,
sich seine Vorbilder aus allem holend, wo es ge-
schmeidigen Linienfluß des Lebens fand. Wie alle die

anderen Materialien hat auch das Eisen seine neue
Formensprache gefunden und zwar seine eigene, ich
möchte sagen: eine eiserne. Nicht die dem Eisen
mit technischem Raffinement entwundene naturalistische
Kunstform steht obenan, sondern der mehr abstrakte
Linienfluß der Komposition, wie er sich aus den Ge-
staltungsprinzipien des organischen Lebens und tekto-
nischer Konstruktion ergibt. Man hat dem Eisen
gegenüber des öfteren von einer Verarmung der Form
und Armseligkeit der technischen Skala gesprochen in
Gegenüberstellung mit Arbeiten der Renaissance, des
Barocks und Rokokos, also Leistungen, wie sie etwa
die Augsburger und Würzburger Gitterarbeiten vertreten.
Ganz zu unrecht; denn rein technisch gibt es über-
haupt keine Schwierigkeiten für unsere Kunstschmiede;
ein Unvermögen hierin schließt der Entwicklungsgang
der Technik geradezu aus. Etwas anderes ist es mit
dem angeblich alten Reichtum der Formsprache, auf
den wir aber naturgemäß nicht gezwungen, sondern
aus dem Wesen der Moderne heraus verzichten.
Kopieren könnten wir heute alles; aus den Forderungen
der Zeit erwachsen uns aber andere Aufgaben, deren

1908. v. i.
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