Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNENDEKORATION

XIX. 3HHRGHI1G. üarmltadt 1908. nOVemBER-HeST,

Michelangelo - Der Zerstörer des Raumes.

Beitrag zur Entwicklungs-üeschichte der Innen-Dekoration von Robert Breuer. (Schlug.)

Disher hatte man die Decke für den Architekturteil ge-
*-* halten, der am wenigsten ein Recht auf Selbständig-
keit hätte; sie wurde am seltensten von den Augen ge-
troffen, es war unbequem, sie aufmerksam zu betrachten.
Ein schnell hinaufgesandter, über die Decke hingleitender
Blick sollte genügen, um sie in ihrer Ganzheit zu er-
fassen und ihren dekorativen Klang den näher tönenden
Akkorden der Wände und deren Dekorationen, der
Fenster, des Fußbodens, der Möbel, der Altäre, der
Sängertribünen zu verbinden. So hatte man die Decke
zu allen Zeiten in möglichst einheitlicher Weise dekoriert.
Man teilte sie in regelmäßige Felder, wozu sowohl die
Balkenlagen der aus der Antike herüber gekommenen
Holzdecke, als auch die bei dem steinernen Gewölbe
sich ergebenden Rippen konstruktiv anleiteten; man
bemalte und vergoldete die Balken und schmückte sie
mit Schnitzereien, man ordnete Rippen wie auch Balken
zu geometrischen, zu rhythmischen Figuren. Man füllte
die einzelnen Felder mit Malerei, Holzwerk und Stucco.
Die spätere Renaissance gestaltete wohl die Kassetten,
besonders die plastischen, reich und prachtvoll, aber
die dekorative Tendenz änderte sich nicht: die Decke
sollte als ein einiger Ton empfunden werden, sie sollte
nicht ablenken, sondern sammeln. Wenn sie in Gold
strahlte, so sollte das Leuchten den Raum erfüllen.
Mit der quattrozentistischen Decke der Sixtinischen
Kapelle wurde nicht etwa ein naturalistischer Effekt

beabsichtigt (wenn auch der Volksmund il ciclo sagte)
- ein ruhiges, neutrales, einheitliches Sein soll den
Raum abschließen. Die Decke des Michelangelo
ist aber kein Sein, sondern ein Geschehen! Ein
lautes, gigantisches Geschehen, das herrisch
die Aufmerksamkeit auf sich reißt. — Das Groß-
artige und Übermenschliche läßt uns bei dem Werke
des Michelangelo nicht voll erkennen, wie grundsätzlich
diese absolute Mißachtung der Fläche gegen die tra-
ditionellen Prinzipien der Raumkunst verstößt. Indessen
mangelt es nicht an gleichzeitigen Wandmalereien, die
uns diese Einsicht leicht machen. In den Loggien
des Palazzo Doria (Genua 1530) sehen wir ganze Reihen
plastisch gemalter Helden, die gerade aus der Mauer
heraussteigen wollen. In den von Stuckkanten ge-
rahmten Kappen sind naturalistisch behandelte Szenen
untergebracht; aus den Zwickeln lösen sich wiederum
plastisch gemalte Figuren. Die Wände laufen stück-
weise davon.

Michelangelo sprengt die Fläche wie den Raum
durch die Schöpfung eines Heeres von Menschen, das
mit unwiderstehlicher Gewalt alle dogmatischen For-
derungen der architektonischen Dekoration zur Seite
stößt. Während die sixtinische Decke den Zustand
des vollzogenen Sieges darstellt, zeigt die medieeische
Grabkapelle das Gegeneinanderringen von Körper- und
Bauteil. Der Kamp! wird ehrlich geführt: hie Bau-

1908. XI. l.
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