Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKORATION

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LUDWIG SCHAFER, MÖBELFABRIK—MAINZ.

Klubzimmer im Hotel Rheinischer Hof—Mainz

Der neue und der alte Stil in Berlin.

r\ie Eröffnung einer Filiale der Münchner vereinigten
Werkstätten für Kunst und Handwerk in Berlin,
die vor vierzehn Tagen stattgefunden hat, wird, so
hoffen alle, denen es darum zu tun ist, einen Markstein
in der Entwicklung des guten Geschmacks in Berlin
bedeuten. Die ausgezeichneten Künstler, die das Unter-
nehmen seit mehr als zehn Jahren durch alle Fährnisse
durchgesteuert haben, erwecken das Zutrauen, daß sie
auch in Berlin die Schwierigkeiten, die sich ihnen
entgegenstellen werden, überwinden werden. Diese
Schwierigkeiten sind in Berlin vielleicht größer als
sonstwo. Die Geschichte ähnlicher Unternehmungen
bieten das Schauspiel dar: wie in Berlin solche mit
den besten Absichten beginnende Institute allmählich
durch den einmal eingesessenen Geschmack der Gesell-
schaft Schritt für Schritt aus ihrer Bahn gedrängt
werden. Sie müssen sich am Ende dem Protzenstil
wieder unterwerfen, der Marmor, Stuck und Gold und
Sammt verlangt-, so greift man immer wieder, selbst
in den modernsten Wohnungen, auf einen prunkhaften
Louis-seize-Stil zurück. Nachbildungen von Möbeln
aus Fontainebleau, Trianon und Versailles stehen mit

alten Kunstwerken jener Zeit zusammen. Hier wollen
die Münchner Werkstätten reinigend wirken.

Die Stelle, wo sich die neue Niederlassung ein-
gerichtet hat, konnte nicht besser gewählt werden.
Das große Haus, das die Ecke der Lenne- und der
Bellevuestraße bildet, ist in dem unteren Geschoß zu
modernen Empfangs- und Wohnräumen umgeschaffen
worden. Die Lenne'straße, die den südlichen Rand
des Tiergartens bildet, und die Bellevuestraße, die vom
Potsdamer Platz zum Schloß Bellevue führt: diese
beiden Straßen sind in den 40 er Jahren zuerst bebaut
worden, als das Weichbild der Stadt über das Pots-
damer Tor hinausgeschoben wurde und der Tiergarten
in einen Lustpark verwandelt wurde. Beide Straßen
tragen durchaus den Charakter der letzten Blütezeit
der Berliner Kultur in den 40er Jahren. Die Villen
und Häuser repräsentieren sich in dem vornehmen
Stil der Schule Schinkels, wie er sich in der Kunst
Stülers darstellt. Der schönste Bau darunter ist gerade
das Eckhaus, das die Werkstätten sich erwählt haben.
Die Ecke wird gebildet durch eine im Halbrund vor-
springende Loggia, die von jonischen Säulen getragen
wird. Zwischen diese Säulen sind die Schaufenster
eingesetzt worden; es ist ganz wundervoll zu sehen;

JS08. XI. 3.
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